Workshop Filmkritik


Nächster Halt – Filmkritiker_in

Unser Workshop „Nächster Halt – Filmkritiker_in!“ fand im April und Mai 2016 statt und richtete sich an russischsprachige Jugendliche mit Migrationshintergrund. Das Arabische Filmfestival ALFILM wurde zum Anlass genommen, um Grundkenntnisse des Schreibens von Filmkritiken zu erlernen und dabei über die Bedeutung von Filmen im Hinblick auf Muslim-/Islamfeindlichkeit zu reflektieren. Es wird seit 2009 von makan – Zentrum für arabische Filmkunst und Kultur e.V. jährlich ausgerichtet wird.

Das erste Treffen begann mit einigen Kennenlernspielen, die für eine lockere und offene Atmosphäre sorgten. Im Anschluss daran stellten die Trainerinnen Dr. Sabrina Dittus und Ira Kormannshaus das Projekt vor und gingen auf Fragen der Teilnehmenden ein.

In dem von Sabrina Dittus referierten Vortrag „Einführung in Filme als Konstruktion gesellschaftlicher Realität und Identität“ stand die Wirkmächtigkeit von Medien im Vordergrund. Frau Dittus machte deutlich, warum Medien immer im Zusammenhang mit Machtdemonstration gesehen werden sollten. Zudem erklärte sie in welcher Form Medien vermeintliches „Wissen produzieren“, soziale Realitäten und Identitäten konstruieren und zur Stereotypenreduzierung aber auch -aufrechterhaltung beitragen können. Mithilfe eines Filmzusammenschnittes („Planet of the Arabs“) wurden im Anschluss vor allem Vorurteile gegen „den“ arabisch/islamischen Kulturkreis und deren Verbreitung in den Medien kritisch beleuchtet. Frau Dittus machte in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass Menschen mit muslimischem Hintergrund oftmals mit Stereotypen betrachtet werden, die eine negative Konnotation haben (Stichwort Terrorismus, Frauenunterdrückung, Defizite im demokratischen Gesellschaftssystem). Anhand von weiteren Filmausschnitten und Covern namhafter Zeitschriften wurde insbesondere die negativ konnotierte Rolle der Frau im Islam deutlich.

Im Anschluss gab Frau Ira Kormannshaus eine kurze Einführung in das filmkritische Schreiben. Sie zeigte auf, welche wichtigen Fragen die Zuschauenden an Filme stellen sollten und dass eine Filmkritik immer auch als eine persönliche Wertung verstanden wird. Ferner sprach sie über den allgemeinen Aufbau einer Filmkritik (Eckdaten, Einordnung des Filmes in das Filmgenre und die Film- und Zeitgeschichte, Beschreibung akustischer und visueller Erlebnisse sowie die Analyse künstlerischer Elemente und gesellschaftlicher Bezüge, u.a.). In ihrem Vortrag betonte Frau Kormannshaus die Wichtigkeit präziser Formulierung und Argumentation, ermunterte die Workshopteilnehmenden aber auch, beim Schreibprozess kreativ zu sein und sich auszuprobieren, um nach einigem Training schließlich den eigenen Schreibstil zu finden.

Die folgenden Treffen fanden jeweils beim Arabischen Filmfestival ALFILM statt. Gemeinsam sah sich die Gruppe insgesamt vier – im Vorfeld gemeinsam ausgesuchte – Filme an vier Terminen an und diskutierte im Anschluss darüber.

In den folgenden Workshop-Terminen wurden die von den Teilnehmenden in der Zwischenzeit geschriebenen Filmkritiken besprochen und gemeinsam Verbesserungsvorschläge diskutiert. Hierbei kamen sowohl formelle Aspekte des Schreibens (Aufbau einer Filmkritik, Wortwahl, Schreibtechniken, etc.) als auch inhaltliche zur Sprache. So wurden u.a. folgende Aspekte thematisiert: Stereotypisierung von arabischen / islamischen Vorurteilen (Terrorismus, Frauenunterdrückung, Defizite im demokratischen Gesellschaftssystem) und deren Verbreitung in den Medien, historische und gesellschaftliche Konstruktionen von Identitäten und religiöser Zugehörigkeit, kulturelle Gemeinsamkeiten trotz unterschiedlicher Religionen, parallele bzw. ähnliche Entwicklungen in unterschiedlichen Gesellschaften sowie Männlichkeits- und Weiblichkeitsdiskurse im Islam. Daraus ergaben sich Fragen wie: Wie werden soziale, religiöse und kulturelle Identitäten im Film konstruiert? Wie wurden diese Identitäten filmisch dargestellt bzw. in bestimmten Situationen inszeniert? Welchen Eindruck hatten die Teilnehmenden von der Darstellung von „westlichen“ und „islamischen“ Werten?

Die Leiterinnen Sabrina Dittus und Ira Kormannshaus gingen auf Fragen und Feedback aus der Gruppe ein, beantworteten diese gern, gaben kritische Inputs, regten die Teilnehmenden zum Nachdenken an und ließen gleichzeitig genug Freiraum für Diskussionen der Teilnehmenden untereinander.

In einem abschließenden Feedback der gesamten Workshopreihe berichteten viele Teilnehmende, dass sie (unterbewusst) bestehende Vorurteile überwinden konnten und für die Wahrnehmung von Stereotypen sensibilisiert worden sind. Alle Teilnehmende waren sehr begeistert vom Konzept des Workshops.

Teilnehmende: in Berlin lebende russischsprachige Migrant_innen im Alter von 16 bis 27 Jahren

Zeitraum: 5 Termine im Zeitraum April – Mai 2016, jeweils 4 Stunden, 4 Besuche ALFILM-Festival

Workshop-Leiterinnen: Dr. Sabrina Dittus, Ira Kormannshaus