Vortragsreihe


Facetten des Islams

Neben den von La Red und agitPolska durchgeführten Workshops wurde im Rahmen des Projektes WIR HIER! auch eine niedrigschwellige Vortragsreihe für Multiplikator_innen und die interessierte Öffentlichkeit angeboten. In der gemütlichen Atmosphäre des „Clubs der polnischen Versager“ referierten unsere Expert_innen zu ihren Themen und luden jeweils im Anschluss zur Diskussion ein.

 

„Propheten im Koran“ (Dr. Thomas Würtz)

In unserem ersten Vortrag im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Facetten des Islams“ referierte Dr. Thomas Würtz (Katholische Akademie in Berlin e. V.) zum Thema „Biblische Figuren im Koran“. Der Koran (wörtlich: Rezitation oder Vortrag) stellt nach muslimischem Glauben eine direkte Offenbarung an den Propheten Mohammad dar. Er enthält 114 Suren, ist mit Ausnahme von Sure 1 (die in etwa dem Vaterunser entspricht) in abnehmender Länge angeordnet und in Reimprosa verfasst sind. Im Gegensatz zur Bibel, in der Handlungen und Geschichten fast immer chronologisch erzählt werden, nehmen die Suren im Koran, mit Ausnahme der Sure 12 (Josefs-Geschichte), nur punktuell Bezug auf geschichtliche Ereignisse und biblische Propheten. Der Koran nennt ca. 20 Propheten, die es auch in der Bibel gibt und drei nicht-biblische Propheten. Die Geschichten der Propheten unterscheiden sich jedoch in Teilen.

Zudem gebärt Maria Jesus alleine in der Wüste. Auch wurde Jesus laut Koran nicht gekreuzigt, sondern „von Gott erhöht“, da Propheten als Gesandte Gottes nach dem koranischen Verständnis von Prophetie nicht von Menschen getötet werden können.

Während erst im 20. Jahrhundert einige Muslim_innen begonnen hätten, daran zu zweifeln, dass Christen und Juden denselben Gott (auch ihren Gott) anbeten und nicht nur auf die falsche Weise verehren, hätten Christen hingegen bis in das 19./20. Jahrhundert hinein geglaubt, Allah sei nicht Gott im Sinne des Einen Gottes. Erst seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) sagt die Katholische Kirche offiziell, dass sich der Glaube der Muslime auf denselben Gott bezieht. Im Anschluss an den Vortrag von Dr. Würtz entstand eine äußerst interessante Diskussion mit dem Publikum insbesondere über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei monotheistischen Religionen.

 

Podiumsdiskussion: „Verändert die Fluchtzuwanderung den Blick auf Musliminnen und Muslime? Perspektiven europäischer Eingewanderter“

Während des zweiten Termins diskutierten Vertreterinnen und Vertreter europäischer Einwanderergruppen unter der Moderation von Adam Gusowski die Frage, ob und wenn ja, inwiefern die Fluchtzuwanderung den Blick auf Muslim_innen verändert hat.

Alle vier Diskutanten betonten die stetige Zunahme von Muslimfeindlichkeit, die sich sowohl in Deutschland als auch in Polen, Russland und Spanien beobachten ließe. In Deutschland führe besonders die Angst z. B. auf dem Arbeitsmarkt mit Geflüchteten konkurrieren zu müssen, zu einer negativen Haltung. Interessanterweise, so betonte Gülhanim Karaduman-Cerkes, auch unter den in Deutschland lebenden Muslim_innen selbst. Unter Polen, die, so Jacek Tyblewski, traditionell weniger der Political Correctness anhängen, grassiere ein stereotypenbehaftetes Bild vom Islam, das nicht nur unreflektiert auf die Gruppe der Zuwander_innen übertragen, sondern auch nach Polen vermittelt werde. Für russische Einwander_innen, so Ljudmila Belkin, seien Muslim_innen historisch gesehen nicht per se fremd, jedoch bestehe ein sehr angespanntes Verhältnis zwischen jüdisch-russischen und muslimischen Einwander_innen in Deutschland. Unter spanischen Migrant_innen in Deutschland spiele Muslimfeindlichkeit als Thema keine Rolle. Allerdings, so Andreu Jerez, sei Muslimfeindlichkeit seit Jahrhunderten fest in der spanischen Sprache verankert und werde durch den unreflektierten Alltagsgebrauch bestimmter abwertender Begriffe bis heute weitergegeben.

Im Anschluss an ihre Statements diskutierten die Referent_innen mit dem Publikum über die große Emotionalität der Thematik Muslimfeindlichkeit; über das Phänomen der Konkurrenz unter den einzelnen „alten“ und „neuen“ Migrantengruppen sowie über die Frage, ob nicht schon die Thematisierung von Muslimfeindlichkeit einen Fortschritt in der gesellschaftlichen Debatte darstelle.

Moderation: Adam Gusowski (Autor, Journalist, Mitbegründer des Clubs der Polnischen Versager)

Referent_innen: Ljudmila Belkin (Historikerin), Gülhanim Karaduman-Cerkes (Projektleiterin des Frauenbegegnungscafés in den Tempelhofer Hangars), Andreu Jerez (freier Journalist und Autor), Jacek Tyblewski (Fremdsprachenkoordinator)

„Sex und Erotik im Islam“ (Ali Ghandour)

Der dritte Vortrag unserer Reihe Facetten des Islams wurde von Ali Ghandour, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster, gehalten. Der Islamwissenschaftler beschäftigt sich in seiner Forschung mit dem Thema Sexualität und Erotik im Islam und veröffentlichte dazu ein Buch mit dem Titel „Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten“ (Editio Gryphus 2015).

Sex und Erotik als Beispiel für den kulturellen Wandel im Islam war der thematische Leitfaden des Abends und gleichzeitig Herrn Ghandours Erklärung, warum ein Theologe sich mit diesem Thema schwerpunktmäßig befasst. So berichtete der Islamwissenschaftler von seinem ersten zufälligen Zusammentreffen in Kindertagen mit der fast in Vergessenheit geratenen erotischen Literatur und teilte sein damaliges Erstaunen mit den Zuhörer_innen. „Was ist da passiert?“ stand als Frage im Raum und wurde in der kommenden Stunde beleuchtet.

Als Ausgangspunkt für Herrn Ghandours Erklärungen dient der Koran, welcher neben direkten Aussagen zu Sex und Erotik auch ein Bild der damaligen Gesellschaft und deren Wandel bietet. In der Zeit zwischen dem 9. und 18. Jahrhundert nach christlicher Zeitrechnung existierte eine Vielzahl an erotischer Literatur in den islamischen Gesellschaften. Gedichte, Ratgeber, Anekdoten und medizinische Bücher über Sex und Erotik wurden von angesehenen Gelehrten und Literaten der damaligen Zeit verfasst und gesellten sich zu den theologischen Werken der damaligen Zeit. Korankommentare und frivole Werke gleichzeitig zu verfassen war zu dem Zeitpunkt keine Seltenheit und wurde keineswegs in Frage gestellt. Unter den Autoren waren auch viele Frauen erfolgreich vertreten und bereicherten die Literaturwelt mit ihren Schriftstücken. Thematisiert wurden auch Homoerotik und die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, was heute als Indiz dafür gesehen wird, dass dies auch so praktiziert wurde. Herr Ghandour sagte, dass damals – insbesondere in den Metropolen – eine Offenheit und unausgesprochene Akzeptanz herrschte, die diese sexuelle Vielfalt ermöglichte und zu einer Selbstverständlichkeit machte.

Doch warum ist unsere heutige Ansicht von Sex und Erotik im Islam so weit entfernt von der damals herrschenden Freizügigkeit? Herr Ghandour begründete dies mit mehreren im 19. Jh. auftretenden Faktoren die einen weitreichenden Wandel in den damaligen muslimischen Gesellschaften hervorriefen. So erklärte er, dass mit Entstehung der Kolonialmächte und der damit verbundenen Industrialisierung neue Strukturen in die damaligen Gesellschaften geschaffen wurden, wodurch ursprüngliche Ordnungen verworfen und nach Vorbild der Kolonialmächte neu gebildet wurden.

Durch die Einführung moderner Staaten und die Schaffung von Metropolen zog es einen hohen Anteil der Landbevölkerung in die Städte, um dort Arbeit zu finden. Doch diese Bevölkerungsschicht war wenig gebildet und wurde so mit dem neuen staatlichen Bildungssystem konfrontiert. Dieses Bildungssystem nahm sich auch einer erzieherischen Aufgabe an und vermittelte neue, westliche Werte, die die vorher herrschende Freizügigkeit als „pervers“ brandmarkte.

Die im Anschluss verbleibende Zeit wurde für die Beantwortung zahlreicher Fragen und für rege Diskussionen genutzt.

„Feminismus im Islam“ (Büşra Delikaya)

Unser letzter Vortrag der Reihe wurde von Büşra Delikaya zum Thema „Feminismus im Islam“ gehalten. Die Germanistik- und Geschichtsstudentin ist praktizierende Muslima und Feministin. Neben ihrer Tätigkeit als freie Autorin setzt sie sich aktiv für Frauenrechte ein.

Bevor Frau Delikaya mit ihren Erzählungen begann, forderte sie die Zuhörenden zur Interaktion während des Vortrags auf und motivierte zum Dialog. Sie selbst wolle einen Einblick in die Gedankenwelt einer feministischen Muslimin geben und damit zu einem Erfahrungsaustausch anregen.

Frau Delikaya erzählte von Begegnungen mit Kopftuchkritiker_innen und radikalen Feministinnen und kritisierte beide Parteien für ihre einseitigen Ansichten. Sie erzählte von der fast vergessenen Olympe de Gouges, eine der ersten Frauen, die für ihre Rechte kämpfte und mit dem Leben bezahlen musste. Frau Delikaya sagte, so wie die französische Schriftstellerin in der Historie kaum Erwähnung fand, so seien auch die feministischen Aspekte des Islams in den Hintergrund gerückt. Früher habe der Prophet vor Frauen und Männern gleichermaßen gepredigt und auch Frauen durften seine Worte kritisieren und hinterfragen.

Die Frage, ob man als gläubige Muslimin auch Feministin sein könne, beantwortete die Rednerin mit einem klaren „ja“. Sie sagte, dass die emanzipierte muslimische Frau in der öffentlichen Wahrnehmung zwar so gut wie nicht vorhanden sei, betonte jedoch, dass es viele Feministinnen im Islam gab und auch heute noch gibt. Wenngleich viele Moscheegemeinden Feministinnen kritisch gegenüberstehen, dürfe diese Kritik nicht auf den Koran zurückgeführt werden. Vielmehr sieht Frau Delikaya Probleme im ihr alltäglich begegnenden Sexismus, welcher auch in den Gemeinden unbemerkt Einzug gehalten hat und sich dort manifestiert. Außerdem, so sagt sie, lasse der Koran viel Raum zur Interpretation – wodurch viele Inhalte sehr verschieden ausgelegt werden. So gebe es sowohl Versuche, mit dem Koran die Unterlegenheit der Frau zu begründen, als auch unter religiösen Aspekten die Emanzipation der Frau zu fordern.

Besondere Kritik übte die Referentin an dem, ihrer Meinung nach, zunehmenden Absolutheitsanspruch der normativen Ideale vieler Frauenrechtler_innen, die alternative Ansichten und Lebensweisen – wie zum Beispiel die Kombination von religiöser Zugehörigkeit und Feminismus – ausschließen würden. Frau Delikaya plädierte diesbezüglich für mehr Solidarität und regte die Schaffung interkultureller feministischer Netzwerke an, um erfolgreich für essentielle Rechte und Wertvorstellungen kämpfen zu können.

Am Ende des Vortrags kam es wie von Frau Delikaya gewünscht zu vielen Fragen, Anmerkungen und eigenen Erfahrungsberichten, die den Abend erfolgreich abrundeten.

Im Anschluss an den Vortrag wurden in unserer offenen Diskussion zahlreiche Fragen zu teils stereotypen Bildern im Islam gestellt, die dank unserer selbstreflektierten Referentin und weiterer Vertreter_innen der muslimischen Community in Deutschland sehr geduldig besprochen werden konnten.