Vortragsreihe


Facetten des Islams

Neben den von La Red durchgeführten Workshops wurde im Rahmen des Projektes WIR HIER! auch eine niedrigschwellige Vortragsreihe für Multiplikatorinnen, Multiplikatoren und die interessierte Öffentlichkeit angeboten. In der gemütlichen Atmosphäre des „Club der polnischen Versager“ referierten unsere Expertinnen und Experten zu ihren Themen und luden jeweils im Anschluss zur Diskussion ein.

Islam in den Medien (Prof. Dr. Sabine Schiffer)

In unserem ersten Vortrag referierte Prof. Dr. Schiffer vom Institut für Medienverantwortung über die Darstellung „des Islams“ in den Medien und ging dabei besonders auf die politische Instrumentalisierung dessen in den Massenmedien ein. Sie arbeitete dabei mit vielen Fotos von Berichterstattungen der letzten Jahre.

Der Schwerpunkt ihres Vortrags lag auf der Thematik, wie wichtig Blickwinkel und Frames (Kontext) in der Berichterstattung sind. Der Islam an sich ist selten Thema in den Medien. Wenn über ihn berichtet wird, dann häufig in Zusammenhang mit Sozialfragen, Terrorismus, Frauenunterdrückung und anderen Problemen. Diese Phänomene werden oftmals mit vermeintlich islamischen Werten/ Grundsätzen verknüpft oder „dem“ Islam als Ursache zugewiesen. Besonders prägend für das Islambild, das westliche Länder heute haben, ist die Auslandsberichterstattung seit der Iranischen Revolution. Durch weitere Ereignisse wie die Rushdie- und Mahmoody-Affäre sind Bilder entstanden, die die Idee vom Islam als einer rückständigen, frauenfeindlichen und gewaltbereiten Kultur vermitteln. Diese Idee/diese Darstellung vom Islam wird auch heute noch in den unterschiedlichsten Kontexten und Zusammenhängen medial wiedergegeben. 

Vereinfachte Berichterstattungen, die zudem noch aus beschränkten Blickwinkeln verfasst werden, ersetzen dabei häufig komplexe Analysen. So werden historische und geopolitische Zusammenhänge von Konflikten im Nahen und Mittleren Osten nicht erklärt oder gar gänzlich ausgeblendet. Auf diese Weise werden Ereignisse aus ihrem Kontext gerissen und islamkritische Vorurteile scheinbar bestätigt.

Abschließend ging Prof. Schiffer auf die Folgen einer begrenzten Berichterstattung für die Gesamtgesellschaft ein. Nicht nur bestärkt diese Berichterstattung eine ohnehin zunehmende Muslimfeindlichkeit und schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern sie führt zudem dazu, dass wichtige gesamtgesellschaftliche Probleme als solche ausgeblendet werden, weil sie nur einer Gruppe zugewiesen werden. Werden z. B. Gewaltaffinität, Frauenunterdrückung und Homophobie als Probleme „des Islams“ und „der Muslime“ stilisiert, bedeutet das, dass sie nicht mehr als soziale Probleme wahrgenommen werden. Dadurch wird es, so Prof. Schiffer, wesentlich erschwert, diese Probleme tatsächlich zu beheben.

Dämonen im Islam (Dr. Thomas Würtz)

Dr. Thomas Würtz von der Katholischen Akademie Berlin e.V. sprach in unserem zweiten Vortrag der Reihe „Facetten des Islams“ über „Dämonen im Islam“.
Im muslimischen Glauben und auch im Alltagsleben vieler Musliminnen und Muslime kommt Dschinnen (arabisch für Geistwesen oder Dämonen) eine feste Bedeutung zu. Sie werden im Koran erwähnt, spielen in den verschiedenen islamischen Traditionen eine Rolle und es gibt viele Regeln für den Umgang mit ihnen. Dschinnen können zum einen neutrale oder helfende Wesen sein, sie sind aber auch in der Lage Menschen zu befallen und haben somit auch eine bedrohliche, dämonische Seite.

Im ersten Teil seines Vortrags ging Dr. Würtz auf die Erwähnung von Dschinnen im Koran ein. Diese kommen darin häufig vor und es ergibt sich ein vielschichtiges Bild von ihnen. In Sure 55, Vers 14 – 15 heißt es: „Aus Ton schuf er den Menschen, der Töpferware gleich, und aus Gemisch von Feuer schuf er die Dschinne.“ In anderen Suren wird ihr Widersetzen gegen den Befehl Gottes aber auch ihr hilfreiches Tun für König Salomo beschrieben. Sure 72 ist ganz dem Thema der Dschinnen gewidmet, die koranischen Offenbarungen zuhören und daran glauben (Vers 1,2).

Den zweiten Teil des Vortrages widmete Dr. Würtz der Kulturgeschichte von Dschinnen. Religionswissenschaftlich gesehen werden vorislamische Götter als Geistwesen (Dschinn) in den islamischen Glauben integriert. Sie verfügen zwar über Zugang zu Welten, die den Menschen verschlossen sind, besitzen aber keine besondere Macht. In „den“ islamischen Vorstellungen verliert die Dämonologie damit ihren „grimmigen Beiklang“ und gewinnt einen eher alltäglichen Charakter, der allerdings auch umstritten ist. Der Philosoph und Historiker Masûdî (gest. 956) vertrat die These, dass Angst und Bedrohung bei Reisen durch die Wüste der Grund für Dämonenglauben seien. Der Universalgelehrte Gâhiz (gest. 869) sah allgemein in der Einsamkeit die Grundlage für den Glauben an Dschinnen. Später wuchsen dann Generationen ganz selbstverständlich mit den Erzählungen von Dschinnen auf. Auch in der Literatur (wie z.B. bei „1001 Nacht“) spielen diese eine große Rolle.

Abschließend erklärte Dr. Würtz, dass der Glaube an Dschinnen keineswegs ein Phänomen der Vergangenheit, sondern ein aktuelles ist. Diese halten sich bevorzugt an Orten auf, die für Menschen nicht einladend sind. So gibt es immer wieder Berichte über Dschinnen, die sich in Krankenhäusern und Gefängnissen aufhalten. Beispielsweise berichteten Insassen aus dem US- Gefangenenlager Guantanamo aber auch aus Berliner Gefängnissen von Begegnungen mit Dschinnen. Dr. Würtz geht davon aus, dass die Dunkelziffer für die Besessenheit von Dämonen an solchen Orten deutlich höher liegt, als berichtet wird.

Konvertiert und nun? (Natalie Kraneiß)

Im dritten Vortrag unserer Reihe erzählte Natalie Kraneiß unter dem Titel „Konvertiert – und nun?“ ihre persönliche Geschichte rund um ihre Konversion. Sie hat im Jahr 2005 den Islam angenommen, arbeitet heute in einer politischen Stiftung und steht kurz vor dem Abschluss ihres Bachelorstudiums im Fach Islamwissenschaft. In ihrem Vortrag berichtete sie, wie sie den Islam kennengelernt und ihren Platz in der muslimischen Gemeinschaft gefunden hat. Da der Vortrag mitten in den Fastenmonat Ramadan fiel, sprach sie ebenfalls über die Gründe, die diesen Monat für sie so besonders machen.

Sie erzählte von ihrer Kindheit und Jugend, die sie in ländlicher Umgebung im Osten Deutschlands verbracht hat. Direkt nach dem Abitur entschied sie sich zum Studium nach Berlin zu ziehen, wo sie auf Studierende aus vielen verschiedenen Ländern traf – auch aus islamisch geprägten Ländern. Die vielen Gespräche und Diskussionen mit Musliminnen und Muslimen weckten ihr Interesse an Geschichte, Kultur und Politik des Vorderen Orients, so dass sie sich entschied, Islamwissenschaft und Arabistik zu studieren. Die Auseinandersetzung mit akademischen Inhalten auf der einen Seite und der persönliche Kontakt mit Musliminnen und Muslimen sowie das spirituelle Interesse am Islam als Religion auf der anderen Seite führten letztendlich dazu, dass sie 2005 den Islam annahm.

Zum Islam zählt für sie – neben dem Glauben an Gott und Muhammad als Propheten – die ständige Selbstreflexion und der Versuch, Selbstkontrolle zu üben, besonders bei der Einhaltung der praktischen und moralischen Gebote. Das regelmäßige und intensive Nachdenken über Gott und die Schöpfung, Werte wie Nachsicht und Vergebung oder die Teilhabe an der muslimischen Gemeinschaft sind für sie ebenfalls wichtige Bestandteile ihres Glaubens.

Die ersten nach außen sichtbaren Veränderungen, so erzählte sie, waren der Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch. Zeitgleich begann sie, das rituelle Pflichtgebet und die ersten Verse aus dem Koran auf Arabisch zu erlernen. Auch ihr Kleidungsstil veränderte sich, das Kopftuch begann sie etwa ein Jahr nach der Konversion zu tragen – für sie damals ein Weg, die innere Veränderung auch nach außen hin sichtbar zu machen.

Im zweiten Teil ihres Vortrags erzählte Natalie Kraneiß, was den Monat Ramadan für sie so besonders macht. An erster Stelle steht für sie das Gefühl der Verbundenheit in der vorgestellten muslimischen Gemeinschaft, in der alle zeitgleich dieselbe gottesdienstliche Handlung vollziehen, nämlich den Verzicht auf Getränke und Nahrung von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Der Ramadan stellt für sie außerdem einmal jährlich die Möglichkeit dar, sich intensiv mit dem Glauben zu beschäftigen und eine Bestandsaufnahme des eigenen Lebens zu machen. Durch die Bemühung, den Koran in diesem Monat einmal vollständig zu lesen und die allabendliche Teilnahme an einem besonderen ein- bis anderthalb Stunden dauernden Gemeinschaftsgebet, das im Ramadan jeden Abend stattfindet, wird die spirituelle Besonderheit des Monats noch verstärkt.

Abschließend wünschte sich Natalie Kraneiß, dass die oftmals mitleidigen Blicke und bedauernden Kommentare gegenüber fastenden Musliminnen und Muslimen in Zukunft etwas nachlassen und stattdessen von Glückwünschen zum Beginn des Fastenmonats und zum Festtag am Ende des Ramadans abgelöst werden.

Mit HipHop gegen Rassismus: eine kleine Geschichte zu deutschtürkischem HipHop in Berlin (Dr. Verda Kaya)

Den vierten Vortrag „Mit HipHop gegen Rassismus: eine kleine Geschichte zu deutschtürkischem HipHop in Berlin“ unserer Reihe hielt die Ethnologin Dr. Verda Kaya. Sie beschreibt HipHop als eine der bedeutendsten Jugendkulturen, in der Fragen des Rassismus verarbeitet werden und junge Menschen sich offensiv gegen diesen ausdrücken.

Dr. Kaya beschäftigte sich im ersten Teil ihres Vortrags mit der Entstehungsgeschichte des HipHop und dessen Erfolg in Deutschland, insbesondere unter migrantischen Jugendlichen. Die Auseinandersetzung mit Rassismus im HipHop ergibt sich, so Dr. Kaya, zum einen aus dem Entstehungskontext als eine Kultur der schwarzen und hispanischen Jugendlichen in der Bronx. Zum anderen ergibt sie sich aus den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die die HipHop-Kultur bietet. Schon Anfang der 1980erJahre löste HipHop in Deutschland eine Welle aus. Jugendliche verschiedener Herkunft imitierten die US-Amerikanischen Jugendlichen, ebenso ihre Texte und ihre Art zu rappen. Auffällig war die Begeisterung vieler deutschtürkischer Jugendlicher für diese Kultur und ihre Identifizierung mit den Jugendlichen aus der Bronx. Dies erklärt sich Dr. Kaya aus der gesellschaftlichen und sozialen Situation, in der sich deutschtürkische Bürgerinnen und Bürger damals befanden.

Ein Großteil der türkischen Einwanderinnen und Einwanderer kamen ab den 1960er-Jahren als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Deutschland. Vielen blieben aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland und das gesellschaftliche Klima wurde vielerorts feindseliger: Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen prägten den Alltag vieler Migrantinnen und Migranten. Die HipHop-Kultur aus der Bronx in Amerika beschäftige sich mit diesen Themen und Zuschreibungen wie „Ghetto“, „Minderheit“ und „gefährlich“. Damit bildete HipHop auch die Erfahrungen von türkischen Jugendlichen in Deutschland ab.

Mit dem Mauerfall, so Dr. Kaya, verstärkten sich Ausgrenzungserfahrungen. Es war eine besondere Zeit, in der Zugehörigkeiten, Werte und gesellschaftliche Hierarchien sowohl zwischen deutschstämmigen in Ost- und Westdeutschland als auch in Bezug zu Migrantinnen und Migranten neu verhandelt wurden. Mit „Wir sind ein Volk“ waren Menschen mit Migrationshintergrund nicht gemeint. In den folgenden Jahren spitzte sich der Rassismus zu. Die Höhepunkte waren rechtsradikale Brandanschläge auf Wohnhäuser von migrantischen Anwohnerinnen und Anwohnern. Die Songs „Ahmet Gündüz“ von „Fresh Familee“ und „Fremd im eigenen Land“ von „Advanced Chemistry“ sind die Klassiker aus dieser Zeit. In beiden Liedern werden Klischees und der Rassismus in Deutschland ironisch, kämpferisch und fordernd thematisiert. „Wir hier!“ war auch in der HipHop-Kultur in Deutschland die kämpferische und selbstbewusste Haltung gegenüber Diskriminierung.

Im zweiten Teil ihres Vortrages legte Dr. Kaya den Fokus auf die Inhalte der deutschen HipHop-Szene. Bei Betrachtung der Texte der Rap-Gruppen mit vornehmlich türkischer Herkunft fällt auf, wie sehr Jugendliche Fremdzuschreibungen zu Selbstzuschreibungen umwandeln und diese mit der HipHop-Kultur verbinden. Dies wird dann selbstbewusst präsentiert: „Ihr Türken“ wird stolz zu „Wir Türken“, „Türken sind eine Bedrohung und leben in Ghettos“ wird zu „Wir leben in Ghettos und sind cool“, „Kreuzberg ist wie Harlem oder Bronx“ wird zu „Wir kommen aus Kreuzberg, hier ist es gefährlich wie in Harlem oder Bronx, daher sind wir cool“. Bis heute ist das eine charakteristische Methode des HipHop, mit den Rassismen in der Gesellschaft umzugehen und diese zu schwächen, indem negative Zuschreibungen in positive umgewandelt und als Stärke genutzt werden.

Zusammenfassend stelle Dr. Kaya fest, dass Rap-Musik weiterhin populär ist und sich innerhalb dieser Kultur unterschiedlichste Stile entwickelt haben. Insbesondere migrantische Personen sind weiterhin sehr aktiv in der Szene. Das Thema Rassismus ist bis heute zentral geblieben, auch wenn sich neuere Strömungen, wie Gangsta Rap, eher unpolitisch positionieren. HipHop bleibt ein Medium unter den Jugendlichen – unabhängig der Herkunft – um ihre Gefühle, Sehnsüchte, Wut, aber auch Spaß und Gemeinschaftsgefühl auszudrücken.

Islam in Deutschland – Ein geschichtlicher Überblick (Dennis Sadiq Kirschbaum)

Einen weiteren Vortrag hielt Dennis Sadiq Kirschbaum, Empowerment Trainer und Vorstandsvorsitzender von JUMA e.V., zum Thema „Islam in Deutschland – ein geschichtlicher Überblick“. Er gab dabei einen Überblick zur Geschichte von Musliminnen und Muslimen in Deutschland im 20. und 21. Jahrhundert. Einen besonderen Schwerpunkt legte er dabei auf die Zeit der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, als auch auf die sogenannten Flüchtlingskrisen heute und in den 90er Jahren. Im Zuge dessen gab er Einsicht in Lebensrealität und Alltag von Musliminnen und Muslimen in Deutschland. Mehr Informationen folgen.