Vortragsreihe


Facetten des Islams

Neben den von La Red durchgeführten Workshops wurde im Rahmen des Projektes WIR HIER! auch eine niedrigschwellige Vortragsreihe für Multiplikatorinnen, Multiplikatoren und die interessierte Öffentlichkeit angeboten. In der gemütlichen Atmosphäre des „Club der polnischen Versager“ referierten unsere Expertinnen und Experten zu ihren Themen und luden jeweils im Anschluss zur Diskussion ein.

Islam in den Medien (Prof. Dr. Sabine Schiffer)

In unserem ersten Vortrag referierte Prof. Dr. Schiffer vom Institut für Medienverantwortung über die Darstellung „des Islams“ in den Medien und ging dabei besonders auf die politische Instrumentalisierung dessen in den Massenmedien ein. Sie arbeitete dabei mit vielen Fotos von Berichterstattungen der letzten Jahre.

Der Schwerpunkt ihres Vortrags lag auf der Thematik, wie wichtig Blickwinkel und Frames (Kontext) in der Berichterstattung sind. Der Islam an sich ist selten Thema in den Medien. Wenn über ihn berichtet wird, dann häufig in Zusammenhang mit Sozialfragen, Terrorismus, Frauenunterdrückung und anderen Problemen. Diese Phänomene werden oftmals mit vermeintlich islamischen Werten/ Grundsätzen verknüpft oder „dem“ Islam als Ursache zugewiesen. Besonders prägend für das Islambild, das westliche Länder heute haben, ist die Auslandsberichterstattung seit der Iranischen Revolution. Durch weitere Ereignisse wie die Rushdie- und Mahmoody-Affäre sind Bilder entstanden, die die Idee vom Islam als einer rückständigen, frauenfeindlichen und gewaltbereiten Kultur vermitteln. Diese Idee/diese Darstellung vom Islam wird auch heute noch in den unterschiedlichsten Kontexten und Zusammenhängen medial wiedergegeben. 

Vereinfachte Berichterstattungen, die zudem noch aus beschränkten Blickwinkeln verfasst werden, ersetzen dabei häufig komplexe Analysen. So werden historische und geopolitische Zusammenhänge von Konflikten im Nahen und Mittleren Osten nicht erklärt oder gar gänzlich ausgeblendet. Auf diese Weise werden Ereignisse aus ihrem Kontext gerissen und islamkritische Vorurteile scheinbar bestätigt.

Abschließend ging Prof. Schiffer auf die Folgen einer begrenzten Berichterstattung für die Gesamtgesellschaft ein. Nicht nur bestärkt diese Berichterstattung eine ohnehin zunehmende Muslimfeindlichkeit und schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern sie führt zudem dazu, dass wichtige gesamtgesellschaftliche Probleme als solche ausgeblendet werden, weil sie nur einer Gruppe zugewiesen werden. Werden z. B. Gewaltaffinität, Frauenunterdrückung und Homophobie als Probleme „des Islams“ und „der Muslime“ stilisiert, bedeutet das, dass sie nicht mehr als soziale Probleme wahrgenommen werden. Dadurch wird es, so Prof. Schiffer, wesentlich erschwert, diese Probleme tatsächlich zu beheben.

Dämonen im Islam (Dr. Thomas Würtz)

Dr. Thomas Würtz von der Katholischen Akademie Berlin e.V. sprach in unserem zweiten Vortrag der Reihe „Facetten des Islams“ über „Dämonen im Islam“.
Im muslimischen Glauben und auch im Alltagsleben vieler Musliminnen und Muslime kommt Dschinnen (arabisch für Geistwesen oder Dämonen) eine feste Bedeutung zu. Sie werden im Koran erwähnt, spielen in den verschiedenen islamischen Traditionen eine Rolle und es gibt viele Regeln für den Umgang mit ihnen. Dschinnen können zum einen neutrale oder helfende Wesen sein, sie sind aber auch in der Lage Menschen zu befallen und haben somit auch eine bedrohliche, dämonische Seite.

Im ersten Teil seines Vortrags ging Dr. Würtz auf die Erwähnung von Dschinnen im Koran ein. Diese kommen darin häufig vor und es ergibt sich ein vielschichtiges Bild von ihnen. In Sure 55, Vers 14 – 15 heißt es: „Aus Ton schuf er den Menschen, der Töpferware gleich, und aus Gemisch von Feuer schuf er die Dschinne.“ In anderen Suren wird ihr Widersetzen gegen den Befehl Gottes aber auch ihr hilfreiches Tun für König Salomo beschrieben. Sure 72 ist ganz dem Thema der Dschinnen gewidmet, die koranischen Offenbarungen zuhören und daran glauben (Vers 1,2).

Den zweiten Teil des Vortrages widmete Dr. Würtz der Kulturgeschichte von Dschinnen. Religionswissenschaftlich gesehen werden vorislamische Götter als Geistwesen (Dschinn) in den islamischen Glauben integriert. Sie verfügen zwar über Zugang zu Welten, die den Menschen verschlossen sind, besitzen aber keine besondere Macht. In „den“ islamischen Vorstellungen verliert die Dämonologie damit ihren „grimmigen Beiklang“ und gewinnt einen eher alltäglichen Charakter, der allerdings auch umstritten ist. Der Philosoph und Historiker Masûdî (gest. 956) vertrat die These, dass Angst und Bedrohung bei Reisen durch die Wüste der Grund für Dämonenglauben seien. Der Universalgelehrte Gâhiz (gest. 869) sah allgemein in der Einsamkeit die Grundlage für den Glauben an Dschinnen. Später wuchsen dann Generationen ganz selbstverständlich mit den Erzählungen von Dschinnen auf. Auch in der Literatur (wie z.B. bei „1001 Nacht“) spielen diese eine große Rolle.

Abschließend erklärte Dr. Würtz, dass der Glaube an Dschinnen keineswegs ein Phänomen der Vergangenheit, sondern ein aktuelles ist. Diese halten sich bevorzugt an Orten auf, die für Menschen nicht einladend sind. So gibt es immer wieder Berichte über Dschinnen, die sich in Krankenhäusern und Gefängnissen aufhalten. Beispielsweise berichteten Insassen aus dem US- Gefangenenlager Guantanamo aber auch aus Berliner Gefängnissen von Begegnungen mit Dschinnen. Dr. Würtz geht davon aus, dass die Dunkelziffer für die Besessenheit von Dämonen an solchen Orten deutlich höher liegt, als berichtet wird.

Konvertiert und nun? (Natalie Kraneiß)

Im dritten Vortrag unserer Reihe erzählte Natalie Kraneiß unter dem Titel „Konvertiert – und nun?“ ihre persönliche Geschichte rund um ihre Konversion. Sie hat im Jahr 2005 den Islam angenommen, arbeitet heute in einer politischen Stiftung und steht kurz vor dem Abschluss ihres Bachelorstudiums im Fach Islamwissenschaft. In ihrem Vortrag berichtete sie, wie sie den Islam kennengelernt und ihren Platz in der muslimischen Gemeinschaft gefunden hat. Da der Vortrag mitten in den Fastenmonat Ramadan fiel, sprach sie ebenfalls über die Gründe, die diesen Monat für sie so besonders machen.

Sie erzählte von ihrer Kindheit und Jugend, die sie in ländlicher Umgebung im Osten Deutschlands verbracht hat. Direkt nach dem Abitur entschied sie sich zum Studium nach Berlin zu ziehen, wo sie auf Studierende aus vielen verschiedenen Ländern traf – auch aus islamisch geprägten Ländern. Die vielen Gespräche und Diskussionen mit Musliminnen und Muslimen weckten ihr Interesse an Geschichte, Kultur und Politik des Vorderen Orients, so dass sie sich entschied, Islamwissenschaft und Arabistik zu studieren. Die Auseinandersetzung mit akademischen Inhalten auf der einen Seite und der persönliche Kontakt mit Musliminnen und Muslimen sowie das spirituelle Interesse am Islam als Religion auf der anderen Seite führten letztendlich dazu, dass sie 2005 den Islam annahm.

Zum Islam zählt für sie – neben dem Glauben an Gott und Muhammad als Propheten – die ständige Selbstreflexion und der Versuch, Selbstkontrolle zu üben, besonders bei der Einhaltung der praktischen und moralischen Gebote. Das regelmäßige und intensive Nachdenken über Gott und die Schöpfung, Werte wie Nachsicht und Vergebung oder die Teilhabe an der muslimischen Gemeinschaft sind für sie ebenfalls wichtige Bestandteile ihres Glaubens.

Die ersten nach außen sichtbaren Veränderungen, so erzählte sie, waren der Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch. Zeitgleich begann sie, das rituelle Pflichtgebet und die ersten Verse aus dem Koran auf Arabisch zu erlernen. Auch ihr Kleidungsstil veränderte sich, das Kopftuch begann sie etwa ein Jahr nach der Konversion zu tragen – für sie damals ein Weg, die innere Veränderung auch nach außen hin sichtbar zu machen.

Im zweiten Teil ihres Vortrags erzählte Natalie Kraneiß, was den Monat Ramadan für sie so besonders macht. An erster Stelle steht für sie das Gefühl der Verbundenheit in der vorgestellten muslimischen Gemeinschaft, in der alle zeitgleich dieselbe gottesdienstliche Handlung vollziehen, nämlich den Verzicht auf Getränke und Nahrung von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Der Ramadan stellt für sie außerdem einmal jährlich die Möglichkeit dar, sich intensiv mit dem Glauben zu beschäftigen und eine Bestandsaufnahme des eigenen Lebens zu machen. Durch die Bemühung, den Koran in diesem Monat einmal vollständig zu lesen und die allabendliche Teilnahme an einem besonderen ein- bis anderthalb Stunden dauernden Gemeinschaftsgebet, das im Ramadan jeden Abend stattfindet, wird die spirituelle Besonderheit des Monats noch verstärkt.

Abschließend wünschte sich Natalie Kraneiß, dass die oftmals mitleidigen Blicke und bedauernden Kommentare gegenüber fastenden Musliminnen und Muslimen in Zukunft etwas nachlassen und stattdessen von Glückwünschen zum Beginn des Fastenmonats und zum Festtag am Ende des Ramadans abgelöst werden.

Mit HipHop gegen Rassismus: eine kleine Geschichte zu deutschtürkischem HipHop in Berlin (Dr. Verda Kaya)

Den vierten Vortrag „Mit HipHop gegen Rassismus: eine kleine Geschichte zu deutschtürkischem HipHop in Berlin“ unserer Reihe hielt die Ethnologin Dr. Verda Kaya. Sie beschreibt HipHop als eine der bedeutendsten Jugendkulturen, in der Fragen des Rassismus verarbeitet werden und junge Menschen sich offensiv gegen diesen ausdrücken.

Dr. Kaya beschäftigte sich im ersten Teil ihres Vortrags mit der Entstehungsgeschichte des HipHop und dessen Erfolg in Deutschland, insbesondere unter migrantischen Jugendlichen. Die Auseinandersetzung mit Rassismus im HipHop ergibt sich, so Dr. Kaya, zum einen aus dem Entstehungskontext als eine Kultur der schwarzen und hispanischen Jugendlichen in der Bronx. Zum anderen ergibt sie sich aus den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die die HipHop-Kultur bietet. Schon Anfang der 1980erJahre löste HipHop in Deutschland eine Welle aus. Jugendliche verschiedener Herkunft imitierten die US-Amerikanischen Jugendlichen, ebenso ihre Texte und ihre Art zu rappen. Auffällig war die Begeisterung vieler deutschtürkischer Jugendlicher für diese Kultur und ihre Identifizierung mit den Jugendlichen aus der Bronx. Dies erklärt sich Dr. Kaya aus der gesellschaftlichen und sozialen Situation, in der sich deutschtürkische Bürgerinnen und Bürger damals befanden.

Ein Großteil der türkischen Einwanderinnen und Einwanderer kamen ab den 1960er-Jahren als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Deutschland. Vielen blieben aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland und das gesellschaftliche Klima wurde vielerorts feindseliger: Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen prägten den Alltag vieler Migrantinnen und Migranten. Die HipHop-Kultur aus der Bronx in Amerika beschäftige sich mit diesen Themen und Zuschreibungen wie „Ghetto“, „Minderheit“ und „gefährlich“. Damit bildete HipHop auch die Erfahrungen von türkischen Jugendlichen in Deutschland ab.

Mit dem Mauerfall, so Dr. Kaya, verstärkten sich Ausgrenzungserfahrungen. Es war eine besondere Zeit, in der Zugehörigkeiten, Werte und gesellschaftliche Hierarchien sowohl zwischen deutschstämmigen in Ost- und Westdeutschland als auch in Bezug zu Migrantinnen und Migranten neu verhandelt wurden. Mit „Wir sind ein Volk“ waren Menschen mit Migrationshintergrund nicht gemeint. In den folgenden Jahren spitzte sich der Rassismus zu. Die Höhepunkte waren rechtsradikale Brandanschläge auf Wohnhäuser von migrantischen Anwohnerinnen und Anwohnern. Die Songs „Ahmet Gündüz“ von „Fresh Familee“ und „Fremd im eigenen Land“ von „Advanced Chemistry“ sind die Klassiker aus dieser Zeit. In beiden Liedern werden Klischees und der Rassismus in Deutschland ironisch, kämpferisch und fordernd thematisiert. „Wir hier!“ war auch in der HipHop-Kultur in Deutschland die kämpferische und selbstbewusste Haltung gegenüber Diskriminierung.

Im zweiten Teil ihres Vortrages legte Dr. Kaya den Fokus auf die Inhalte der deutschen HipHop-Szene. Bei Betrachtung der Texte der Rap-Gruppen mit vornehmlich türkischer Herkunft fällt auf, wie sehr Jugendliche Fremdzuschreibungen zu Selbstzuschreibungen umwandeln und diese mit der HipHop-Kultur verbinden. Dies wird dann selbstbewusst präsentiert: „Ihr Türken“ wird stolz zu „Wir Türken“, „Türken sind eine Bedrohung und leben in Ghettos“ wird zu „Wir leben in Ghettos und sind cool“, „Kreuzberg ist wie Harlem oder Bronx“ wird zu „Wir kommen aus Kreuzberg, hier ist es gefährlich wie in Harlem oder Bronx, daher sind wir cool“. Bis heute ist das eine charakteristische Methode des HipHop, mit den Rassismen in der Gesellschaft umzugehen und diese zu schwächen, indem negative Zuschreibungen in positive umgewandelt und als Stärke genutzt werden.

Zusammenfassend stelle Dr. Kaya fest, dass Rap-Musik weiterhin populär ist und sich innerhalb dieser Kultur unterschiedlichste Stile entwickelt haben. Insbesondere migrantische Personen sind weiterhin sehr aktiv in der Szene. Das Thema Rassismus ist bis heute zentral geblieben, auch wenn sich neuere Strömungen, wie Gangsta Rap, eher unpolitisch positionieren. HipHop bleibt ein Medium unter den Jugendlichen – unabhängig der Herkunft – um ihre Gefühle, Sehnsüchte, Wut, aber auch Spaß und Gemeinschaftsgefühl auszudrücken.

Islam in Deutschland – Ein geschichtlicher Überblick (Dennis Sadiq Kirschbaum)

Dennis Sadiq Kirschbaum, Empowerment Trainer und Vorstandsvorsitzender von JUMA e.V., hielt im August 2019 einen Vortrag, der einen Überblick zur Geschichte von Musliminnen und Muslimen in Deutschland gab.

Im Vorfeld des Vortrags stellte er sich die Frage, wo er ganz persönlich den Startpunkt muslimischen Lebens in Deutschland setzen würde und kam zu dem Schluss, die Geschichte des Islams in Deutschland mit der dauerhaften Etablierung erster islamischer Gemeinden in Deutschland im 18. Jahrhundert beginnen zu lassen.

Im Rahmen des Ersten Weltkrieges wurde im Jahr 1914 in Wünsdorf, Raum Zossen (heutiger Landkreis Teltow-Fläming, Brandenburg), das sogenannte „Halbmondlager“ errichtet. In diesem Lager wurden zwischen 1914 und 1918 Soldaten aus den französischen und englischen Kolonien gefangen gehalten. Da es sich bei einem Großteil der Soldaten um Muslime handelte, erhielt das Lager den Namen „Halbmondlager“. In dem Kriegsgefangenlager wurde 1916 die erste Moschee auf deutschem Boden errichtet. Die Moschee wurde allerdings im Jahr 1930 abgerissen.

Eine deutliche Steigerung der muslimischen Bevölkerung ist seit den 1960er Jahren zu verzeichnen, v. a. aufgrund der Einwanderung von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern, insbesondere aus der Türkei. Heute leben schätzungsweise knapp 5 Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland, von denen rund die Hälfte einen türkischen Migrationshintergrund hat.

In den Jahren vor der Einwanderung der sogenannten „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ aus muslimischen Ländern wurde der Islam in Deutschland bis in die 1970er Jahre von der Ahmadiyya-Gemeinde vertreten und repräsentiert, da sie als einziger Verband ununterbrochen seit den 1920er Jahren in Deutschland aktiv war. Die Ahmadiyya ist eine kleine Gruppierung innerhalb des Islams, die ihren Ursprung in Indien hat. Die ersten Vertreter der Ahmadiyya missionierten bereits im deutschen Kaiserreich im Namen ihrer Gruppierung. Auch die Wilmersdorfer-Moschee, die älteste bestehende Moschee in Deutschland, gehört zu der Ahmadiyya-Gemeinde. Mit der zunehmenden Organisation der türkischen „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ und Zugewanderten aus anderen islamischen Ländern in den 1970er und 1980er Jahren kam es zur Bildung mehrerer eigenständiger (Dach-)Vereine und islamischer Gruppierungen. Der zunehmende Organisationsgrad neuer Verbände und Vereine und deren Ablehnung gegenüber der Ahmadiyya führte dazu, dass die Präsenz der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Politik und Medien abnahm.

Die islamische Gemeinde ist seitdem in Deutschland in verschiedene Gruppierungen und selbstständige Lokalvereine zersplittert. Eine besondere Rolle für türkischstämmige Zugewanderte spielte die Entstehung der Ditib Türkisch-Islamischen Union im Jahr 1984. Dieser Verein beansprucht, den größten Teil der türkischen Musliminnen und Muslime in Deutschland zu vertreten. Ditib untersteht der türkischen staatlichen Institution für religiöse Angelegenheiten und wird somit auch vom türkischen Staat finanziert. In Berlin eröffnete mit der „Merkez Cami“ 1982 die erste Moschee der späteren Ditib. Nach 17 Jahren hatten türkischstämmige Musliminnen und Muslime erstmals einen religiösen Rückzugsort in Berlin Kreuzberg.

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat wurde 2013 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und den christlichen Kirchen rechtlich und politisch gleichgestellt. Der Islam ist damit allerdings auf rein rechtlicher Ebene noch keine anerkannte Religionsgemeinschaft. Zudem sind gerade sunnitische und schiitische Dachverbände sich bisher noch uneins über ihre Struktur und Ausrichtung.

Mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 nahm die Debatte um „den Islam“ an Wind auf: Der Islam wurde von der nicht-muslimischen Bevölkerung verstärkt als Gefahr stilisiert. Demonstrationen gegen Moscheeneubauten fanden vermehrt statt. Gleichzeitig bildeten sich einige wahabitische salafistische Vereine, die seitdem vom Verfassungsschutz beobachtet werden und teilweise seit 1993 vom Bundesinnenministerium verboten sind. Einer der bekanntesten dieser Vereine ist die sogenannte „Wahre Religion“, die mit ihrer islamistischen „Lies!“-Aktion und dem Verteilen von Koranausgaben bekannt wurde und 2016 vom Bundesinnenministerium verboten wurde. 

Darüber hinaus stellte Dennis Sadiq Kirschbaum einige wichtige Ereignisse aus neuester Zeit vor. Als erster Bundespräsident Deutschlands sagte Christian Wulff bei einer Grundsatzrede am 3. Oktober 2010 zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ und löste damit eine gesellschaftliche Debatte aus. Im Jahr 2015 bekräftigt Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Aussage mit den Worten: „Der Islam gehört unzweifelhaft zu Deutschland.“

Abschließend stellte Dennis Sadiq Kirschbaum fest, dass sich Probleme wie bspw. die historische Entstehung von Parallelgesellschaften zwar nicht rückgängig machen lassen, aber er momentan immer mehr politische Entwicklungen beobachtet, die muslimisches Leben in Deutschland fördern und unterstützen.

Islam und Homosexualität – kann das zusammengehen? (Andreas Ismail Mohr)

Den Vortrag im September hielt der Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr zum Thema „Islam und Homosexualität“. Zu Beginn gab er eine Einführung in die zentralen Begriffe und Themen des Abends.

Um deutlich zu machen, was der Begriff ‚Islam‘ alles umfasst, erläuterte er, dass dieser die Religion der Musliminnen und Muslime, aber zugleich auch ein theologischer Begriff im Koran ist, der ‚Hingabe‘ und ‚Ergebung in Gott‘ bedeutet. Abgesehen von einigen zentralen Glaubenssätzen, die für alle Musliminnen und Muslime gleich sind, und den gemeinsamen Riten wie etwa das rituelle Gebet und das Fasten im Ramadan, kann man von unterschiedlichen Ausprägungen des Islams sprechen. Dabei spielen mehrere Glaubensrichtungen wie das Sunnitentum und die Schia eine Rolle, aber auch die verschiedenen Rechtsschulen, die sich mit der Normenlehre oder mit dem religiösen ‚Gesetz‘ befassen. Die unterschiedlichen islamrechtlichen Auseinandersetzungen und Auslegungen wirken sich oftmals auch auf die religiöse Praxis aus. Dies alles, die Glaubenslehre sowie die religiöse Praxis der individuellen Musliminnen und Muslime ist zusammengenommen ‚der Islam‘. Die Quellen der islamischen Lehre sind vor allem zwei, nämlich der Koran (die offenbarte heilige Schrift) und die mündlich überlieferte Sunna (d.h. der ‚Brauch‘ oder die Handlungsweisen) des Propheten Muhammad und der muslimischen Urgemeinde. 

Zum Begriff der Homosexualität erläuterte Andreas Ismail Mohr, dass dieser Begriff erst im 19. Jahrhundert entstanden ist und dass es davor keinen Sammelbegriff für die Liebe und Sexualität zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts gab.

Darauf aufbauend beschäftigte sich der Referent mit der Frage, wie sich ‚der Islam‘ zum Thema Homosexualität verhält. Er fasste seine Erkenntnisse folgendermaßen zusammen: Der Koran als wichtigste und ursprünglichste Quelle für den islamischen Glauben beinhaltet keine eindeutigen, nicht hinterfragbaren Aussagen zur Homosexualität. Traditionell glaubt man, in der Geschichte von Lot (Lût) und dem sündigen Volk (das in der Bibel Sodom heißt) ein Verbot männlicher homosexueller Akte (arabisch: liwât) zu erkennen. Eine der Koranstellen mit dieser Geschichte ist folgende:

„Wir (d.h. Gott) entsandten den Lot (als Boten und Warner). Er sagte zu seinen Leuten: ‚Wollt ihr etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? Ihr kommt fürwahr in Sinnenlust zu den Männern neben den Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält!‘ Seine Leute wussten nichts anderes zu erwidern, als dass sie sagten: ‚Vertreibt sie (d.h. den Lot und seine Angehörigen) aus eurer Stadt! Das sind Menschen, die sich für rein halten!‘ Da erretteten Wir (Gott) ihn und seine Familie – mit Ausnahme seiner Frau. Sie gehörte zu denen, die zurückblieben. Wir ließen einen Regen auf sie niedergehen. Schau nur, wie das Ende der Sünder war!“  (Koran 7:80-84)

Andreas Ismail Mohr erläuterte, dass es verschiedene Gründe dafür gibt, die eher vage Andeutung eines ‚sinnlichen‘ Vergehens in der Lot-Geschichte nicht mit ‚Homosexualität‘ zu identifizieren, sondern mit Vergewaltigung und Unrecht. Die eigentliche Sünde des Volkes, so der Islamwissenschaftler, ist jedoch die Ablehnung des Propheten Lot. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach Liebe und Partnerschaft allerdings stößt man im Koran auf eine Passage über die ‚Zeichen‘ (Wunder) Gottes in der Schöpfung:

„Zu Seinen Zeichen gehört, dass Er für euch Partner aus euch selber geschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit bewirkt. Darin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken. Zu Seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind fürwahr Zeichen für die Wissenden“ (Koran 30:21-22).

Der Referent fasste zusammen, dass diese Koranstelle so interpretierbar ist, dass alle (menschlichen) Personen männlich oder weiblich sein können. Das arabische Wort für ‚Partner‘ (azwâdj) kann sich auf Frauen oder Männer beziehen, es muss nicht notwendigerweise ‚Ehefrauen‘ oder ‚Ehegattinnen‘ bedeuten, wie die meisten deutschen Koranübersetzerinnen und -übersetzer schreiben. (Englische Koranübersetzungen verwenden hier oft den passenderen Begriff mates, ‚Partner, Partnerinnen‘.) Aus einer auf den Koran zentrierten theologischen und gläubigen Sicht kann man also durchaus sagen, so Andreas Ismail Mohr, dass es der Essenz des Islams entspricht, jedem Menschen – auch dem schwulen Muslim und der lesbischen Muslimin – grundsätzlich Liebe und Partnerschaft anzuerkennen.

Abschließend übertrug der Referent diese Grundlagen auf die Lebensrealität von muslimischen Menschen. Diese ist vielfältig – je nachdem wo sie leben, ob in ‚muslimischen Ländern‘ oder als Minderheit z.B. in nicht-muslimisch geprägten Ländern. Soziale Stellung und Erziehung, wirtschaftliches Vermögen, Bildungsstand und ethnische Zugehörigkeit beeinflussen Lebensweise und auch Religionsausübung in unterschiedlicher Weise, von ‚streng‘ praktiziertem Islam bis zu weitgehender Vernachlässigung der islamischen Riten und Gebräuche. Trotzdem, so Andreas Ismail Mohr, sind viele Musliminnen und Muslime, selbst wenn sie unterschiedlich sozialisiert sind, auch in nicht-muslimisch geprägten Ländern ihrer Religion, ihrer Heimatkultur und vor allem auch der Familie verbunden. Der Familie ist man traditionell zur Loyalität verpflichtet; ihr darf man keine Schande bereiten. In diesem Zusammenhang ist es schwerwiegend, wenn nicht sogar schändlich und strafbar, wenn man seine soziale Rolle (als Vater, Ehefrau, Sohn, Tochter usw.) nicht erfüllt oder dem Ansehen der Familie schadet. Ein solcher Fall kann z.B. öffentlich bekannt gewordener Ehebruch oder die Homosexualität eines Familienmitglieds sein. In vielen muslimischen Staaten sind homosexuelle Akte zwischen Männern außerdem verboten und strafbar. Ihren Ursprung haben diese Verbote allerdings oft nicht einmal in islamischen Rechtsquellen, sondern in älteren Fassungen europäischer Gesetze aus der Kolonialzeit (z.B. britisches Recht). Gegenwärtig werden diese Verbote aber von den Machthabern in den jeweiligen Ländern aufrechterhalten und durchaus auch „islamisch“ begründet. Über lesbische Akte wird in den betreffenden Gesetzbüchern meistens nichts ausgesagt.

Zusammenfassend stellte Andreas Ismail Mohr fest, dass offene Interpretationen von Koranstellen einen Platz für gleichgeschlechtliche Beziehungen zulassen und somit Islam und Homosexualität zusammengehen können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Realität für homosexuelle Musliminnen und Muslime teilweise anders aussieht, was häufig auf Familienstrukturen und damit verbundenen Rollenvorstellungen zurück zu führen ist. Es hat sich gezeigt, dass es nicht ‚den Islam‘ gibt, sondern dass dieser vielfältig gelebt und interpretiert wird – auch im Hinblick auf (Homo-)Sexualität.

Muslimfeindlichkeit im Alltag (Saad Malik)

Den siebten Vortrag unserer Reihe „Facetten des Islams“ hielt Saad Malik, Kulturanthropologe, Stadtgeograph und Trainer für Diversity und Antidiskriminierung. In seinem Vortrag beschäftigte er sich mit dem Thema „Muslimfeindlichkeit im Alltag“. Hierbei ging er insbesondere auf Stereotype ein, mit denen Männer konfrontiert sind, die als Muslime wahrgenommen werden. Anhand von Beispielen aus der deutschen Öffentlichkeit stellte er bestimmte Rollen und damit verbundene Erwartungshaltungen gegenüber dieser Gruppe vor. Welche Konsequenzen diskriminierende Stereotype für betroffene Personen haben, zeigte er mit einigen Ausschnitten aus dem Dokumentarfilm „Spendier mir einen Çay und ich erzähl dir alles“. Mehr Infos folgen.

Perspektiven auf Islam und Feminismus (Saboura Naqshband)

Den letzten Vortrag unserer Reihe hielt Saboura Naqshband. Sie ging dabei von der Grundlage aus, dass Islam und Feminismus immer wieder als Widersprüche wahrgenommen werden. Jedoch gibt es schon seit Jahrzehnten muslimische Frauen*, die die männerzentrierte Auslegung der Religion und die einseitige Geschichtsschreibung herausfordern und feministische Interpretationen des Korans und der Hadithe (Überlieferungen des Propheten) vorantreiben.

Stigmatisierende Bilder vom Islam und Musliminnen und Muslimen gipfeln häufig in einem zunehmenden, antimuslimischen Rassismus. Dieser Vortrag stellte diesen Bildern Erzählungen und Perspektiven von muslimischen Feministinnen  und Feministen entgegen. Saboura Naqshband beschäftigte sich mit folgenden Fragen: Was sind Vorstellungen und Ansätze Islamischer Feminismen in den vielfältigen, muslimischen Communities in Deutschland und weltweit? Woraus leitet sich ein Islamischer Feminismus ab? Wo verortet sich dieser? Welche feministischen Vordenkerinnen und Vorbilder gibt es im Islam? Welche Herausforderungen sind mit dieser Thematik verbunden? Mehr Informationen folgen.