Vortragsreihe Mosaik(stücke) Islam


„Geschichten muslimischen Lebens in Deutschland“ von Delal Noori und Ervanur Yilmaz, Gründerinnen des Podcast „Gedankensalat“

Zu Beginn ihres Vortrages betonten Delal Noori und Ervanur Yilmaz, dass es „den“ Islam nicht gibt und nicht geben kann. Ziel ihrer Ausführungen war es, auf die Individualität und Heterogenität der Persönlichkeiten und Biografien muslimischer Menschen in Deutschland aufmerksam zu machen. Persönlichkeiten sind individuell und vielschichtig und können nicht pauschalisiert werden. Jede Generation hat ihre Merkmale und innerhalb dieser Generationen gibt es wiederum ein breites Spektrum an Einstellungen und Lebensrealitäten. Außerdem erläuterten die beiden einleitend ihre Beweggründe, warum sie sich mit den Geschichten muslimischen Lebens in Deutschland auseinandergesetzt haben und zeigten auf, weshalb das Wissen über die diversen Geschichten für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft unglaublich wichtig ist. Sie teilten ihren Vortrag in die folgenden vier Teile auf:

  1. In den 1960er Jahren kamen sogenannte „Gastarbeiter*innen“ aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern wie der Türkei (1961), Marokko (1963) und Tunesien (1965) nach Deutschland. In diesem Zusammenhang griffen Delal Noori und Ervanur Yilmaz auch die Problematik des Begriffes „Gastarbeiter*in“ auf. Sie beleuchteten die Erwartungen der „Gastarbeiter*innen“ an Deutschland, die (kulturellen) Lebenseinstellungen, das religiöse Leben und die Erfahrungen dieser Generation anhand individueller Personen, mit denen sie Interviews geführt hatten. Auch der historische Kontext der „Gastarbeit“ in Deutschland, der organisatorische Ablauf dieser Arbeit und der Grund für die misslungenen Rückreisepläne wurden von Delal Noori und Ervanur Yilmaz erläutert.
  2. Im Laufe der 1980er Jahre kam eine zweite Generation auf, die teilweise in Deutschland geboren und zur Schule gegangen war. Auch hier stellten die beiden exemplarisch dar, inwiefern in dieser Generation eher das Gefühl zu bleiben dominierte sowie der Wunsch, die deutsche Sprache zu lernen. Mit der Fragestellung: „Inwiefern interagierte diese zweite Generation mehr mit der Mehrheitsgesellschaft als ihre Eltern es noch getan hatten?“ befassten sie sich ebenfalls.
  3. In den 1990er Jahren kamen vor Krieg Geflohene dazu, beispielsweise aus den Balkanstaaten oder dem Irak. Diese Generation stand vor anderen Herausforderungen als die vorherige oder die folgende. Ihre in den Heimatländern erworbenen Berufsabschlüsse wurden größtenteils nicht anerkannt und Deutschkurse waren alles andere als verbreitet. Hier beschäftigten sich die beiden Podcasterinnen mit folgenden Fragen: Wie sah die Interaktion mit den vorherigen Generationen aus? Inwiefern unterstützte man sich untereinander? Welche Rolle spielten Moscheen als Anlaufstelle? Was waren Erwartungen nach der Ankunft?
  4. Inzwischen ist eine weitere Generation erwachsen. Generation „postmigrantisch“. Delal Noori und Ervanur Yilmaz fragten sich: Wie sieht ihr eigener Bezug zu dem Heimatland ihrer Eltern oder Großeltern aus? Inwiefern hat sich ihr Freundeskreis diversifiziert? Zeitgleich kamen im Laufe der vergangenen Jahre Geflüchtete vor allem aus Afghanistan und Syrien dazu, die wiederum vor ganz anderen Herausforderungen stehen und die Dynamik zwischen und innerhalb der Generationen aufs Neue ins Rollen bringen.  

Die beiden Podcasterinnen ließen im Rahmen ihres Vortrages einzelne Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zu Wort kommen und stellten deren Zitate und Aussagen mittels Audioaufnahmen in den Vordergrund. Hierbei ist zentral, dass Delal Noori und Ervanur Yilmaz keinen Anspruch auf die Repräsentation aller Muslim*innen in Deutschland erhoben. Stattdessen wiesen sie auf die verschiedenen Lebensrealitäten, religiösen Verständnisse und individuellen Perspektiven muslimischer Menschen in Deutschland hin. Diese Vielfalt verbietet es, von „dem“ Islam zu sprechen.

 

„Der Blick auf muslimische Jugendarbeit und Jugendliche: Problem- oder Potenzialorientiert?“ von Ouassima Laabich-Mansour, Politikwissenschaftlerin, Jugend Trainerin und Referentin

Zu Beginn ihres Vortrages stellte Ouassima Laabich-Mansour kurz den Verein Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) vor und verwies auf die Website sowie auf den Instagramkanal (@mjd_e.v) des Vereins.

Anschließend sprach sie über den Themenschwerpunkt: „Muslimische Jugendliche und muslimische Jugendarbeit: Über Potenzial und Notwendigkeit“. Muslimische Jugendliche sind heterogen, vielfältig, haben unterschiedliche Bedürfnisse, Bedarfe, Hintergründe und Perspektiven auf ihre eigenen Lebensrealitäten, ihr persönliches und ihr gesellschaftliches Leben. Ouassima Laabich-Mansour betonte, dass es nicht den muslimischen Jugendlichen und folglich auch nicht die eine, spezifische Art der muslimischen Jugendarbeit gibt, was für Ouassima Laabich-Mansour einen Vorteil darstellt.

Laut Ouassima Laabich-Mansour herrschen verschiedene Modelle und Angebote muslimischer Jugendarbeit in Deutschland vor: Jene, die sich religiös organisieren bzw. aus einem religiösen Selbstverständnis teilweise Angebote und Aktivitäten anbieten; jene, die anti-rassistisch arbeiten; jene, die Kunst und -Kreativkollektive sind; jene, die empowernd wirken (möchten); Naturfreund*innen, die und/oder soziale Angebote für Jugendliche bereitstellen (Hausaufgabenhilfe, Nachhilfeunterricht, Mentoring etc.); jene, die tatsächlich sogenannte „Präventionsarbeit“ leisten und viele weitere. Dabei zeichnen sich viele Organisationen und Initiativen dadurch aus, dass sie diverse, der oben genannten, Richtungen und Perspektiven, in ihrer gesamten Arbeit vereinen und Zugänge für muslimische Jugendliche auf multidimensionalen Ebenen ermöglichen und erfahrbar machen.

Als Beispiele für solche Organisationen nannte Ouassima Laabich-Mansour: JUMA e.V., i,slam e.V., Muslimische Pfadfinder*innen, MOSAIK e.V., die Muslimische Jugend in Deutschland e.V. und das kürzlich gegründete Bündnis Muslimischer Jugendarbeit.

Die Motivation der Gründungen, Aktivitäten und Organisationen muslimischer Jugendarbeit liegt oftmals im Selbstverständnis in Deutschland geboren und sozialisiert worden zu sein, hier beispielsweise studiert zu haben und so mit Blick auf die Belange von deutschen muslimischen Jugendlichen diese soziale Arbeit anbieten zu wollen.

Darüber hinaus sprach Ouassima Laabich-Mansour über die Herausforderungen und strukturelle Barrieren im Kontext muslimischer Jugendarbeit. Die Blicke und Narrative auf und über muslimische Jugendliche und ihre organisierte Arbeit sind häufig geprägt von sicherheitspolitischen Bedenken (Deradikalisierung/Prävention), Kriminalität und Sexismus. Muslimische Jugendliche werden dabei als Gefahr und Bedrohung konstruiert und diese Konstruktionen oftmals auf ihre Organisationen und Vereine übersetzt.

Dies schlägt sich nach Ouassima Laabich-Mansour ebenfalls in der Förderpolitik nieder. Hierbei warf sie die Frage auf, wie viele und welche „Töpfe“ für Deradikalisierung/Präventionsprojekte und wie viele „Töpfe“ für Empowerment und der Bekämpfung von anti-muslimischen Rassismus in Deutschland existieren.

Zudem herrscht in Deutschland eine historisch gewachsene Verbandsstruktur vor, die Jugendpolitik und zivilgesellschaftliches Engagement prägt. So stellen administrative und bürokratische Vorgaben eine große Barriere dar. Wie zum Beispiel den existierenden Strukturen (Jugendringen) beizutreten und jugendpolitische Arbeit in Deutschland mitzuprägen.

Abschließend forderte die Referentin, dass es einer Anerkennung und Unterstützung des Strukturaufbaus in der muslimischen Jugendarbeit bedarf. Eine, die langfristig und gezielt auf die Bedarfe der Organisationen und Initiativen eingeht und diese sichert.

 

„Muslimische Kunstschaffende in DDR und BRD“ von Dennis Sadiq Kirschbaum, Empowerment-Trainer und Vorstandsvorsitzender von JUMA e.V.

Muslimische Kunstschaffende sind Teil der bundesdeutschen Kunstszene. In der Musikindustrie oder der Filmbranche haben muslimische Künstlerinnen und Künstler in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen. Jedoch ist auffällig, dass vor allem jene Künstlerinnen und Künstler enorme Aufmerksamkeit bekommen, die in die „Normen“ und zugeschrieben „Rollen“ des destruktiven Diskurses rund um muslimisches Leben in Deutschland passen. Darüber hinaus gibt es aber auch viele muslimische Kunstschaffende, die mit ihrer Kunst anecken und Stereotype brechen. Eine der Kernfragen von Dennis Sadiq Kirschbaum war somit: „Muslimische Kunst – auf Augenhöhe oder Nische?“ Der Vortrag vermittelte einen interaktiven Blick in die muslimische Kunstszene. Gemeinsam beschäftigten sich Dennis Sadiq Kirschbaum und das Publikum mit einer kleinen Auswahl von rund 20 muslimischen Künstler*innen.

Dabei erörterte Dennis Sadiq Kirschbaum zunächst, weshalb es überhaupt muslimische Kunst gibt und wieso sie in ihrer Vielfältigkeit in der heutigen Zeit so wichtig ist. Anschließend folgte ein Blick hinter die Kulissen, um die Strategien der muslimischen Kunstszene zu verstehen. Danach analysierte Dennis Sadiq Kirschbaum gemeinsam mit dem Publikum die 20 muslimischen Kunstschaffenden. Dabei spannte der Referent einen Bogen zu den zwei vorherigen Veranstaltungen der Vortragsreihe „Mosaik(stücke) Islam“. Insbesondere beschäftigte er sich hierbei mit der Frage, inwiefern Einwanderungs- und Diasporageschichten Mittel- oder gar Ausgangpunkt von muslimischen Kunstschaffenden sind. Ebenso untersuchte Dennis Sadiq Kirschbaum mit dem Publikum, welche Rolle muslimische Jugendarbeit bei der Förderung muslimischer Kunstschaffenden ausübt. Im zweiten Teil, der Frage- und Antwortrunde sprach er mit dem Publikum darüber, welche Wirkung die gezeigte Kunst auf das Publikum hat und inwiefern Unterstützungspotentiale zu erkennen sind. Abschließend erfolgte ein Ausblick auf den kommenden November. Hier plant JUMA e.V. die Ausrichtung der muslimischen Kulturtage des Landes Berlin, ein viertägiges Festival, das nahezu perfekt an den Vortrag anknüpft, da eine große Anzahl der im Vortrag vorgestellten Kunstschaffenden dabei live zu erleben sein wird.