Vortragsreihe Mosaik(stücke) Islam


„Geschichten muslimischen Lebens in Deutschland“ von Delal Noori und Ervanur Yilmaz, Gründerinnen des Podcast „Gedankensalat“

Zu Beginn ihres Vortrages betonten Delal Noori und Ervanur Yilmaz, dass es „den“ Islam nicht gibt und nicht geben kann. Ziel ihrer Ausführungen war es, auf die Individualität und Heterogenität der Persönlichkeiten und Biografien muslimischer Menschen in Deutschland aufmerksam zu machen. Persönlichkeiten sind individuell und vielschichtig und können nicht pauschalisiert werden. Jede Generation hat ihre Merkmale und innerhalb dieser Generationen gibt es wiederum ein breites Spektrum an Einstellungen und Lebensrealitäten. Außerdem erläuterten die beiden einleitend ihre Beweggründe, warum sie sich mit den Geschichten muslimischen Lebens in Deutschland auseinandergesetzt haben und zeigten auf, weshalb das Wissen über die diversen Geschichten für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft unglaublich wichtig ist. Sie teilten ihren Vortrag in die folgenden vier Teile auf:

  1. In den 1960er Jahren kamen sogenannte „Gastarbeiter*innen“ aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern wie der Türkei (1961), Marokko (1963) und Tunesien (1965) nach Deutschland. In diesem Zusammenhang griffen Delal Noori und Ervanur Yilmaz auch die Problematik des Begriffes „Gastarbeiter*in“ auf. Sie beleuchteten die Erwartungen der „Gastarbeiter*innen“ an Deutschland, die (kulturellen) Lebenseinstellungen, das religiöse Leben und die Erfahrungen dieser Generation anhand individueller Personen, mit denen sie Interviews geführt hatten. Auch der historische Kontext der „Gastarbeit“ in Deutschland, der organisatorische Ablauf dieser Arbeit und der Grund für die misslungenen Rückreisepläne wurden von Delal Noori und Ervanur Yilmaz erläutert.
  2. Im Laufe der 1980er Jahre kam eine zweite Generation auf, die teilweise in Deutschland geboren und zur Schule gegangen war. Auch hier stellten die beiden exemplarisch dar, inwiefern in dieser Generation eher das Gefühl zu bleiben dominierte sowie der Wunsch, die deutsche Sprache zu lernen. Mit der Fragestellung: „Inwiefern interagierte diese zweite Generation mehr mit der Mehrheitsgesellschaft als ihre Eltern es noch getan hatten?“ befassten sie sich ebenfalls.
  3. In den 1990er Jahren kamen vor Krieg Geflohene dazu, beispielsweise aus den Balkanstaaten oder dem Irak. Diese Generation stand vor anderen Herausforderungen als die vorherige oder die folgende. Ihre in den Heimatländern erworbenen Berufsabschlüsse wurden größtenteils nicht anerkannt und Deutschkurse waren alles andere als verbreitet. Hier beschäftigten sich die beiden Podcasterinnen mit folgenden Fragen: Wie sah die Interaktion mit den vorherigen Generationen aus? Inwiefern unterstützte man sich untereinander? Welche Rolle spielten Moscheen als Anlaufstelle? Was waren Erwartungen nach der Ankunft?
  4. Inzwischen ist eine weitere Generation erwachsen. Generation „postmigrantisch“. Delal Noori und Ervanur Yilmaz fragten sich: Wie sieht ihr eigener Bezug zu dem Heimatland ihrer Eltern oder Großeltern aus? Inwiefern hat sich ihr Freundeskreis diversifiziert? Zeitgleich kamen im Laufe der vergangenen Jahre Geflüchtete vor allem aus Afghanistan und Syrien dazu, die wiederum vor ganz anderen Herausforderungen stehen und die Dynamik zwischen und innerhalb der Generationen aufs Neue ins Rollen bringen.  

Die beiden Podcasterinnen ließen im Rahmen ihres Vortrages einzelne Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zu Wort kommen und stellten deren Zitate und Aussagen mittels Audioaufnahmen in den Vordergrund. Hierbei ist zentral, dass Delal Noori und Ervanur Yilmaz keinen Anspruch auf die Repräsentation aller Muslim*innen in Deutschland erhoben. Stattdessen wiesen sie auf die verschiedenen Lebensrealitäten, religiösen Verständnisse und individuellen Perspektiven muslimischer Menschen in Deutschland hin. Diese Vielfalt verbietet es, von „dem“ Islam zu sprechen.

 

„Der Blick auf muslimische Jugendarbeit und Jugendliche: Problem- oder Potenzialorientiert?“ von Ouassima Laabich-Mansour, Politikwissenschaftlerin, Jugend Trainerin und Referentin

Zu Beginn ihres Vortrages stellte Ouassima Laabich-Mansour kurz den Verein Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) vor und verwies auf die Website sowie auf den Instagramkanal (@mjd_e.v) des Vereins.

Anschließend sprach sie über den Themenschwerpunkt: „Muslimische Jugendliche und muslimische Jugendarbeit: Über Potenzial und Notwendigkeit“. Muslimische Jugendliche sind heterogen, vielfältig, haben unterschiedliche Bedürfnisse, Bedarfe, Hintergründe und Perspektiven auf ihre eigenen Lebensrealitäten, ihr persönliches und ihr gesellschaftliches Leben. Ouassima Laabich-Mansour betonte, dass es nicht den muslimischen Jugendlichen und folglich auch nicht die eine, spezifische Art der muslimischen Jugendarbeit gibt, was für Ouassima Laabich-Mansour einen Vorteil darstellt.

Laut Ouassima Laabich-Mansour herrschen verschiedene Modelle und Angebote muslimischer Jugendarbeit in Deutschland vor: Jene, die sich religiös organisieren bzw. aus einem religiösen Selbstverständnis teilweise Angebote und Aktivitäten anbieten; jene, die anti-rassistisch arbeiten; jene, die Kunst und -Kreativkollektive sind; jene, die empowernd wirken (möchten); Naturfreund*innen, die und/oder soziale Angebote für Jugendliche bereitstellen (Hausaufgabenhilfe, Nachhilfeunterricht, Mentoring etc.); jene, die tatsächlich sogenannte „Präventionsarbeit“ leisten und viele weitere. Dabei zeichnen sich viele Organisationen und Initiativen dadurch aus, dass sie diverse, der oben genannten, Richtungen und Perspektiven, in ihrer gesamten Arbeit vereinen und Zugänge für muslimische Jugendliche auf multidimensionalen Ebenen ermöglichen und erfahrbar machen.

Als Beispiele für solche Organisationen nannte Ouassima Laabich-Mansour: JUMA e.V., i,slam e.V., Muslimische Pfadfinder*innen, MOSAIK e.V., die Muslimische Jugend in Deutschland e.V. und das kürzlich gegründete Bündnis Muslimischer Jugendarbeit.

Die Motivation der Gründungen, Aktivitäten und Organisationen muslimischer Jugendarbeit liegt oftmals im Selbstverständnis in Deutschland geboren und sozialisiert worden zu sein, hier beispielsweise studiert zu haben und so mit Blick auf die Belange von deutschen muslimischen Jugendlichen diese soziale Arbeit anbieten zu wollen.

Darüber hinaus sprach Ouassima Laabich-Mansour über die Herausforderungen und strukturelle Barrieren im Kontext muslimischer Jugendarbeit. Die Blicke und Narrative auf und über muslimische Jugendliche und ihre organisierte Arbeit sind häufig geprägt von sicherheitspolitischen Bedenken (Deradikalisierung/Prävention), Kriminalität und Sexismus. Muslimische Jugendliche werden dabei als Gefahr und Bedrohung konstruiert und diese Konstruktionen oftmals auf ihre Organisationen und Vereine übersetzt.

Dies schlägt sich nach Ouassima Laabich-Mansour ebenfalls in der Förderpolitik nieder. Hierbei warf sie die Frage auf, wie viele und welche „Töpfe“ für Deradikalisierung/Präventionsprojekte und wie viele „Töpfe“ für Empowerment und der Bekämpfung von anti-muslimischen Rassismus in Deutschland existieren.

Zudem herrscht in Deutschland eine historisch gewachsene Verbandsstruktur vor, die Jugendpolitik und zivilgesellschaftliches Engagement prägt. So stellen administrative und bürokratische Vorgaben eine große Barriere dar. Wie zum Beispiel den existierenden Strukturen (Jugendringen) beizutreten und jugendpolitische Arbeit in Deutschland mitzuprägen.

Abschließend forderte die Referentin, dass es einer Anerkennung und Unterstützung des Strukturaufbaus in der muslimischen Jugendarbeit bedarf. Eine, die langfristig und gezielt auf die Bedarfe der Organisationen und Initiativen eingeht und diese sichert.

 

„Muslimische Kunstschaffende in DDR und BRD“ von Dennis Sadiq Kirschbaum, Empowerment-Trainer und Vorstandsvorsitzender von JUMA e.V.

Muslimische Kunstschaffende sind Teil der bundesdeutschen Kunstszene. In der Musikindustrie oder der Filmbranche haben muslimische Künstlerinnen und Künstler in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen. Jedoch ist auffällig, dass vor allem jene Künstlerinnen und Künstler enorme Aufmerksamkeit bekommen, die in die „Normen“ und zugeschrieben „Rollen“ des destruktiven Diskurses rund um muslimisches Leben in Deutschland passen. Darüber hinaus gibt es aber auch viele muslimische Kunstschaffende, die mit ihrer Kunst anecken und Stereotype brechen. Eine der Kernfragen von Dennis Sadiq Kirschbaum war somit: „Muslimische Kunst – auf Augenhöhe oder Nische?“ Der Vortrag vermittelte einen interaktiven Blick in die muslimische Kunstszene. Gemeinsam beschäftigten sich Dennis Sadiq Kirschbaum und das Publikum mit einer kleinen Auswahl von rund 20 muslimischen Künstler*innen.

Dabei erörterte Dennis Sadiq Kirschbaum zunächst, weshalb es überhaupt muslimische Kunst gibt und wieso sie in ihrer Vielfältigkeit in der heutigen Zeit so wichtig ist. Anschließend folgte ein Blick hinter die Kulissen, um die Strategien der muslimischen Kunstszene zu verstehen. Danach analysierte Dennis Sadiq Kirschbaum gemeinsam mit dem Publikum die 20 muslimischen Kunstschaffenden. Dabei spannte der Referent einen Bogen zu den zwei vorherigen Veranstaltungen der Vortragsreihe „Mosaik(stücke) Islam“. Insbesondere beschäftigte er sich hierbei mit der Frage, inwiefern Einwanderungs- und Diasporageschichten Mittel- oder gar Ausgangpunkt von muslimischen Kunstschaffenden sind. Ebenso untersuchte Dennis Sadiq Kirschbaum mit dem Publikum, welche Rolle muslimische Jugendarbeit bei der Förderung muslimischer Kunstschaffenden ausübt. Im zweiten Teil, der Frage- und Antwortrunde sprach er mit dem Publikum darüber, welche Wirkung die gezeigte Kunst auf das Publikum hat und inwiefern Unterstützungspotentiale zu erkennen sind. Abschließend erfolgte ein Ausblick auf den kommenden November. Hier plant JUMA e.V. die Ausrichtung der muslimischen Kulturtage des Landes Berlin, ein viertägiges Festival, das nahezu perfekt an den Vortrag anknüpft, da eine große Anzahl der im Vortrag vorgestellten Kunstschaffenden dabei live zu erleben sein wird.

 

„SichtbarUnsichtbar: Queere Muslim*innen in Deutschland” von Zuher Jazmati, Nahostwissenschaftler, Historiker und Fachreferent beim Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V.

In dem Online-Vortrag „SichtbarUnsichtbar: Queere Muslim*innen in Deutschland” am 08.09.2020 ging es um das Zusammenspiel von Queerness und Islam in Deutschland auf verschiedenen Ebenen. Ausganspunkt war der djihadistische Anschlag 2016 auf einen queeren Club in Orlando und die mediale Rezeption des Vorfalls. In dieser Rezeption war oftmals von „Homosexuellen” und „Muslimen” die Rede, was eine vermeintliche Gegensätzlichkeit dieser sexuellen und religiösen Zugehörigkeiten suggeriert. Im Anschluss daran stellt sich die Frage, wie der Gedanke der Unvereinbarkeit beider Zugehörigkeiten die öffentliche Debatte dominiert und welche Auswirkungen dieser Gedanke auf politischer Ebene haben kann.

Im Vortrag ging Zuher Jazmati darauf ein, dass LBTGIA-Themen nationalisiert wurden und werden, indem die Liberalisierung von queeren Rechten häufig als westliche Errungenschaft dargestellt wird. Die Rechte queerer Menschen werden dabei, so Zuher Jazmati, mit den Werten von „Freiheit” und „Moderne” in Verbindung gebracht. Demgegenüber wird Queerfeindlichkeit als muslimisches Phänomen besonders betont, als für die Religion archetypisch behandelt und mit einem orientalistischen Narrativ besetzt. Gleichzeitig wurden LGBTQIA-Themen kulturalisiert und säkularisiert. Dabei werden LGBTQIA-Themen im deutschsprachigen Raum häufig als Teil der kulturellen Zugehörigkeit und säkular-nationalen Identität und somit als Gegensatz zu einer muslimischen Identität betrachtet. Religiöse Praktiken werden dabei oft als Gegenpart liberal-säkularer Moralität betrachtet. Vor allem Musliminnen/Muslime und muslimische Einwanderinnen/Einwanderer werden dabei im medialen Kontext als Hauptfeindinnen- und feinde einer als vereinigt, säkular und moralisch progressiv konstruierten „christlich-jüdischen Nation” betrachtet, die sich ihre Emanzipation hart erkämpft hat.

Aus diesem Narrativ wird auch versucht politisches Kapital zu schlagen, so z. B. von Teilen bestimmter Parteien und von einzelnen Politikerinnen/Politiker. Durch diesen Othering-Prozess wird nach Zuher Jazmati das westliche Selbst auf- und das muslimische Andere abgewertet. (Post-)migrantische und muslimische Menschen und Communities werden dabei als ideale Feindinnen/Feinde einer angeblich progressiven Mehrheitsgesellschaft dargestellt. Diese wird auch mit der Konstruktion des „gefährlichen muslimischen Mannes”, vor allem nach der Kölner Silvesternacht 2015/2016 reproduziert.

Oftmals werden dabei muslimische Stimmen, vor allem jene, die sich zu intersektionalen Themen immer wieder positionieren oder sich sogar selbst als queer-feministisch und muslimisch bezeichnen, vergessen und wenig beachtet. Dabei sind sie genau jene Stimmen, die eine Überbrückung dieser Konflikte möglich machen können und deren Narrative hervorgehoben werden müssten.

 

Miteinander statt Gegeneinander – Islam in den Medien“ Delal Noori und Ervanur Yilmaz, Gründerinnen des Podcast „Gedankensalat“

Titel dieses Vortrags war „Miteinander statt Gegeneinander – Islam in den Medien“. Demnach lag der Schwerpunkt auf lösungsorientierten Ansätzen, die einen interkulturellen und interreligiösen Dialog in den Medien fördern, statt das vorherrschende Framing und den negativen Blickwinkel auf „Muslime” zu reproduzieren und damit vorherrschende Stereotype und Stigmata zu bestätigen.

Zu Anfang der Präsentation war es wichtig zu erwähnen, dass es, wie bei jeder anderen Thematik auch, unterschiedliche Formen der Berichterstattung gibt. So ist es natürlich auch, wenn es um „den Islam“ oder „die Muslim*innen“ geht. Nichtsdestotrotz lässt sich bei flüchtiger Betrachtung der deutschen Medienlandschaft eine recht negative Berichterstattung bei Themen dieser Art feststellen. Diese Feststellung stand im Fokus und hat die Rahmenbedingungen für den Vortrag gesetzt.

Für den Einstieg in die Thematik gaben Delal Noori und Ervanur Yilmaz eine allgemeine Übersicht über den aktuellen Diskurs „Islam/Muslime in den Medien”. In diesem Diskursfallen häufig Begriffe wie „Clankriminalität“, „Terrorismus“, „fehlende Integration“, „problematische Sozialisation“ und „Unterdrückung der Frau“. Dies ist eine recht einseitige und durchaus schädliche Darstellung. Hauptursache dafür ist laut den beiden Podcasterinnen die fehlende Diversität in der deutschen Medienlandschaft durch mangelnde Einbeziehung von Muslim*innen, aber natürlich auch von anderen marginalisierten Gruppen. Komplexe Situationen werden oftmals vereinfacht dargestellt und der eingeschränkte Blickwinkel ist ebenfalls kontraproduktiv.

Ziel des Vortrags von Delal Noori und Ervanur Yilmaz war es jedoch Lösungsansätze zum Abbau von Vorurteilen und Rassismen sowie zur Entstigmatisierung zu finden, indem zuerst nach dem Ursprung dieser negativen Perspektive gefragt wurde. Dazu zogen die beiden Referentinnen vor allem den Sprachgebrauch der medialen Berichterstattung heran. Denn Sprache konstruiert Wirklichkeit und bestimmt damit auch häufig das Framing (den Kontext) der Berichterstattung. Bewusst oder unbewusst kann Sprache damit Ungerechtigkeiten unterstützen. So beispielsweise, wenn in Bezug auf den Terroranschlag in Hanau immer noch von „Fremdenfeindlichkeit” gesprochen wird. Darüber hinaus ist es wichtig, eine Vielzahl von Perspektiven in die Berichterstattung über „den Islam“ und „die Musliminnen/Muslime“ einzubringen, da nur dadurch ein vielseitiges und komplexes Bild erreicht werden kann.

Hinzu kommt die übertriebene Erwartungshaltung beider Seiten, von der muslimischen Community und dem nicht-muslimischen Teil der Gesellschaft, sobald man als Person mit muslimischer Zugehörigkeit in den Medien auftritt. All dies limitiert Menschen und erschwert den Zugang zur und die Realisation einer diversen Medienlandschaft.

Mögliche Lösungen fangen häufig bei jeder/jedem Einzelnen an. Hierzu gehören beispielsweise: sich mit der Thematik auseinandersetzen (educate yourself!), kritisches Hinterfragen, der Einbezug marginalisierter Gruppen und Rücksichtnahme auf diese (power sharing!). So kann man schon im Kleinen etwas bewirken. An die großen Medienmacherinnen- und macher appellierten Delal Noori und Ervanur Yilmaz: Es ist allerhöchste Zeit eine diverse Gästeliste in Talkshows zu haben, das Framing neutral und nicht zum Nachteil bereits Marginalisierter zu gestalten und dadurch eine empowernde Atmosphäre zu schaffen.

Den letzten Teil ihres Vortrages widmeten Delal Noori und Ervanur Yilmaz Musliminnen/Muslime, die in den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens Expertinnen/Experten sind und durch ihre außergewöhnliche Arbeit herausstechen. Hier nannten sie unter anderem Kübra Gümüşay, Bestseller-Autorin, Journalistin und Aktivistin sowie Enissa Amani, Comedian, die sich selbst zu keiner Religion positioniert, aber beträchtlichen Einsatz gegen (antimuslimischen) Rassismus leistet.

Während des Vortages berichteten beide Podcasterinnen immer wieder von Erfahrungen aus ihrem Privatleben und persönlichen Beobachtungen und veranschaulichen den Vortrag durch eine frische und individuelle Note.

 

„Die unterdrückte Andere – Der westliche Blick auf muslimische Frauen“  von Hannah El-Hitami, freie Journalistin mit Schwerpunkt Arabische Welt, Migration und Menschenrechte

Oft wird in Europa die Frage gestellt, ob Islam und Feminismus vereinbar sind – gleich nach der Frage, ob Islam und Demokratie, Islam und Säkularismus oder Islam und alles was sonst noch „modern” klingt, zusammenpassen. In ihrem Vortrag wollte Hannah El-Hitami diese Frage aber nicht beantworten, sondern zeigen, warum sie überflüssig ist, oder warum es jedenfalls sehr darauf ankommt, wer sie stellt und mit welcher Intention. Es gehe nicht darum zu leugnen, dass in muslimisch geprägten Gesellschaften Frauen teilweise unterdrückt werden, schreibt auch die ägyptisch-amerikanische Professorin Leila Ahmed, sondern darum, dass die Frage politisch ausgenutzt werde. Dass also der Islam als Quelle der Unterdrückung von Frauen in islamischen Gesellschaften ermittelt wurde, obwohl nur ein vages und inakkurates Verständnis muslimischer Gesellschaften existierte – und dass der europäischen Vorstellung nach nur das Ablegen der indigenen Kultur und Religion zur Emanzipation muslimischer Frauen führen könnte.

Als ägyptisch-deutsche Journalistin kritisiert Hannah El-Hitami selbst die patriarchalen Strukturen in Ägypten und anderen Staaten Westasiens und Nordafrikas (WANA), die sich zum Beispiel in Form von konservativen Familienstrukturen oder alltäglicher sexueller Belästigung äußern. Doch wenn in Deutschland über solche Probleme gesprochen wird, gerät Hannah El-Hitami  zwischen die Fronten. Wie lassen sich die patriarchalen Gesellschaften in WANA kritisch beleuchten, ohne die rassistische Schlussfolgerung auszulösen, dass diese Gesellschaften rückständig seien und die Ursache dafür in der „arabischen Natur“ oder der „muslimischen Kultur“ liegt?

Dieses Problem kennen viele Feministinnen aus der Region, zum Beispiel die Comiczeichnerin Deena Mohamed, bekannt vor allem für ihren Webcomic Qahera, in dem eine Superheldin mit Cape und Kopftuch die Frauen auf Kairos Straßen vor männlichen Übergriffen schützt. „Wenn ich einen Comic poste, in dem ich konservative muslimische Männer kritisiere, wird definitiv eine westliche Feministin ankommen und sagen, der Islam sei böse“, sagte sie zu Hannah El-Hitami bei einem Interview vor zwei Jahren. „Gleichzeitig bin ich Muslima und finde den Islam nicht böse. Für mich als ägyptische, muslimische Frau ist es sehr schwierig, etwas innerhalb meiner eigenen Kultur zu kritisieren, ohne dass sich jemand einmischt und die Kultur als Ganzes verteufelt. Wir stecken fest zwischen Frauenhass und Imperialismus.“

In ihrem Vortrag erklärt Hannah El-Hitami, wie sich dieser Blick auf muslimische Frauen historisch entwickelt hat: Warum gerade muslimische? Warum gerade Frauen? Dabei geht es übrigens nicht nur um tatsächlich muslimische Frauen, sondern alle, die als solche wahrgenommen werden, weil sie aus mehrheitlich muslimischen Ländern kommen. Im ersten Schritt erklärte die Journalistin die historische Konkurrenz zwischen dem Christentum und dem Islam, der ab dem 7. Jahrhundert rasant an Einfluss gewinnt. Dies führte in Europa zu einem nachhaltigen Trauma, schreibt Edward Said. Er veröffentlicht 1978 das Buch „Orientalismus“, in dem er beschreibt, wie dieses Trauma in Europa im Zeitalter der Aufklärung in ein Gefühl von Überlegenheit und Verachtung gegenüber „dem Orient“ umschlug. Der Orient wurde daraufhin in der europäischen Kunst, Wissenschaft und Politik zum absoluten Gegenteil Europas stilisiert: er galt als mysteriös, barbarisch, bedrohlich aber auch faszinierend, während der Westen sich in Abgrenzung dazu als aufgeklärt, wissenschaftlich, rational und zivilisiert darstellen konnte. Diesen Prozess, sich selbst als positiv und überlegen zu identifizieren, indem man einem Gegenüber alle negativen Eigenschaften zuschreibt, nennt man „Othering“.

Zur Frage, warum gerade die Frauen zur Projektionsfläche oder zum kulturellen Schlachtfeld wurden, zitierte Hannah El-Hitami in ihrem Vortrag einen Artikel von Dr. Nimet Şeker, Wissenschaftlerin am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. „Der weibliche Körper repräsentiert in modernen Gesellschaften die Gemeinschaft und die imaginierte kollektive Identität“, schreibt sie. „Dies gilt für westliche Gesellschaften wie auch für islamische Gesellschaften. Damit ist der Frauenkörper eine Projektionsfläche für kollektive Bedürfnisse und Identitäten.“ Diese Art auf die Gesellschaft zu blicken, macht Frauen an sich schon zu passiven Objekten, die angeschaut werden, während der männliche Blick als Subjekt und Betrachter die Deutungshoheit behält.

Das Fazit aus den beiden vorangegangenen Absätzen ist also, dass der Westen die muslimischen Frauen als Maßstab für die Rückständigkeit des imaginierten „Orients“ nutzt. Wenn die muslimische Frau betrachtet wird, geht es demnach gar nicht um sie, sondern vielmehr darum, den muslimischen Mann als rückständig und barbarisch darzustellen – und den europäischen im Kontrast dazu als besonders fortschrittlich, modern und gut zu „seinen“ Frauen.

Als Journalistin begegnet Hannah El-Hitami häufig Geschichten, die solche Stereotype reproduzieren. Sie sind bei Redaktionen beliebt, weil sie klar definieren, wer gut und böse ist, und die deutsche Leserinnenschaft sich auf der richtigen Seite wähnt. Die Journalistin versucht trotzdem über Frauen aus WANA zu berichten, weil sie ihre Geschichten wichtig findet. Dabei achtet Hannah El-Hitami aber darauf, sie nicht auf Themen der vermeintlichen Unterdrückung oder Befreiung zu reduzieren. Außerdem ist es wichtig, bei jedem Thema bewusst nach den Aspekten zu suchen, die Stereotype wiederlegen, anstatt sich mit ihnen zufrieden zu geben. Und die Journalistin fragt sich immer: Warum will ich darüber berichten? Oder für Nicht-Journalistinnen/Journalisten: warum will ich darüber diskutieren und mir eine Meinung bilden? Die Motivation sollte nicht sein, über andere Gesellschaften zu urteilen und die eigene als überlegen darzustellen, sondern eine ernstgemeinte Solidarität mit Feministinnen und Frauen aus aller Welt zu etablieren.