Vortragsreihe


Facetten des Islams

Neben den von La Red und agitPolska durchgeführten Workshops wurde im Rahmen des Projekts WIR HIER! auch in diesem Jahr wieder eine Vortragsreihe für Multiplikator_innen und die interessierte Öffentlichkeit angeboten. Bereits im dritten Jahr in Folge referierten unsere eingeladenen Referent_innen zu interessanten Inhalten rund um das Thema „Facetten des Islams“ in der gemütlichen Atmosphäre im „Club der polnischen Versager“ und luden im Anschluss zur Diskussion ein.

 

Zum Islam konvertiert und jetzt?! (Natalie Kraneiß)

Am 10. April 2018 teilte Natalie Kraneiß bei ihrem Vortrag „Zum Islam konvertiert und jetzt?!“ im Club der polnischen Versager ihre persönliche Geschichte und erzählte, wie sich ihr Leben seit der Konversion veränderte. Sie nahm im Jahr 2005 den Islam an, arbeitet heute bei einer politischen Stiftung und studiert Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Sie berichtete von ihrer Kindheit und Jugend, die sie in ländlicher Umgebung im Osten Deutschlands verbrachte. Direkt nach dem Abitur entschied sie sich, zum Studium nach Berlin zu ziehen, wo sie auf Kommiliton_innen unterschiedlicher Herkunft traf – auch auf Studierende aus islamisch geprägten Ländern. Die vielen Gespräche und Diskussionen mit Muslim_innen weckten ihr Interesse an Geschichte, Kultur und Politik des Nahen Ostens, sodass sie beschloss, Islamwissenschaft und Arabistik zu studieren. Die Auseinandersetzung mit akademischen Inhalten auf der einen Seite und der persönliche Kontakt mit Muslim_innen in Verbindung mit ihrem spirituellen Interesse am Islam als Religion auf der anderen Seite, führten letztendlich dazu, dass sie sich seit 2005 zum Islam bekennt.

Zum Islam zählt für sie – neben dem Glauben an Gott und Muhammad als Propheten – die ständige Selbstreflexion und der Versuch, Selbstkontrolle zu üben, besonders bei der Einhaltung der praktischen und moralischen Gebote. Das regelmäßige und intensive Nachdenken über Gott und die Schöpfung, Werte wie Nachsicht und Vergebung oder die Teilhabe an der muslimischen Gemeinschaft sind für sie ebenfalls wichtige Bestandteile ihres Glaubens.

Die ersten nach außen sichtbaren Veränderungen, so fuhr sie fort, waren der Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch. Zeitgleich begann sie, das rituelle Pflichtgebet und die ersten Verse aus dem Koran auf Arabisch zu erlernen. Auch ihr Kleidungsstil veränderte sich, das Kopftuch begann sie etwa ein Jahr nach der Konversion zu tragen – für sie damals ein Zeichen, die innere Veränderung auch nach außen hin sichtbar zu machen.

Im zweiten Teil ihres Vortrags stellte sie ihren YouTube-Kanal vor, den sie 2016 in Reaktion auf die ihrer Meinung nach einseitige muslimische Videolandschaft in Deutschland erstellte. Inhalte von muslimischen Frauen, die sich nicht mit Themen wie Kochen, Mode und Make-up oder Kindererziehung beschäftigten, waren schwer zu finden, sodass sie sich zum Ziel setzte, selbst Inhalte zu produzieren. In ihren Videos gibt sie Einblicke in ihr Leben als konvertierte Muslima, sowie Informationen zur arabischen Sprache, zum Koranlesen, zu Studium und Beruf oder beantwortet Fragen ihrer Zuschauer_innen.

Zum Abschluss wünschte Natalie Kraneiß sich für die Zukunft, dass junge Muslim_innen in Deutschland sich in dieser Gesellschaft zugehörig und angenommen fühlen, dass sie aktiv und selbstbewusst teilhaben können und wollen. Und dass deutsche und muslimische Identität nicht als widersprüchlich betrachtet werden.

 

Islamfeindlichkeit an Schulen – Was macht das mit jungen Muslim_innen? (Nina Mühe)

Zu Islamfeindlichkeit an Schulen referierte Nina Mühe, Ethnologin und Leiterin des Projektes „CLAIM – Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit“. Für ihre Doktorarbeit forscht sie zum Thema „Muslimische Religiosität als Stigma“.

Zu Beginn ihres Vortrags erläuterte Frau Mühe die Unterschiede zwischen den Begriffen „Islamfeindlichkeit“, „Muslimfeindlichkeit“, „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“ und diskutierte sie mit dem Publikum. Kritisch am Begriff „Islamophobie“ ist für sie die Pathologisierung einer Diskriminierungsform. Dadurch erscheint „Islamophobie“ als ein individuelles und nicht gesamtgesellschaftliches Problem. „Antimuslimischer Rassismus“ dagegen beinhaltet Diskriminierung sowohl gegenüber Muslim_innen, als auch gegenüber Menschen, die als muslimisch „eingeordnet“ werden. (Antimuslimischer) Rassismus konstruiert, so Nina Mühe, eine Menschengruppe als fremd, indem dieser Gruppe bestimmte Attribute zugeteilt und als negativ bewertet werden. Hierdurch wird die „eigene“ Gruppe auf- und die „andere“ Gruppe abgewertet.

Frau Mühe berichtete von ihrer Forschungsarbeit, für die sie 25 muslimische Schüler_innen im Alter von 13 bis 23 Jahren interviewte. Sie fand u. a. heraus, dass auch Schüler_innen, die nicht unbedingt – z. B. durch das Tragen eines Kopftuches – als „muslimisch erkennbar“ in Erscheinung treten, vom antimuslimischen Stigma betroffen sind. Das „Sichtbarmachen“ der Religion löst jedoch häufig die Diskriminierung aus oder verstärkt sie. Diskriminierung erfahren die Betroffenen in Form von Mobbing und Ausgrenzung sowohl seitens der Schülerschaft als auch durch die Lehrkräfte. Insbesondere dem Lehrpersonal kommt hierbei eine große Bedeutung zu. Lehrer_innen werden in der Regel als moralische Instanz gesehen. Handeln sie Schüler_innen gegenüber diskr

iminierend, so wird das ihnen entgegengebrachte Grundvertrauen erschüttert. Eine Folge kann sein, dass die Institution Schule als Ganzes in Frage gestellt wird.

Nina Mühe berichtete von unterschiedlichen Reaktionen der von ihr interviewten Schüler_innen auf erlebte Diskriminierung: Eine Schülerin ging beispielsweise zwei Wochen lang nicht mehr zur Schule. Einige der befragten Schüler_innen begannen negative Stereotype über ihre eigene Religion zu akzeptieren und definierten sich daraufhin wiederum selbst als „Ausländer_in“. Dieses Selbstverständnis als „Ausländer_in“ dient, so Nina Mühe, meist als Schutz vor weiterer Ausgrenzung. Einige Schüler_innen begannen die Schuld für die Diskriminierung bei sich selbst, „den“ Muslim_innen, zu suchen. Andere Schüler_innen dagegen sahen die Diskriminierung als Ansporn um mit vorhandenen Stereotypen zu brechen. Sie eigneten sich Fähigkeiten an, die ihnen von der Mehrheitsgesellschaft abgesprochen werden. Eine weitere Folge der Diskriminierung ist bei einigen Schüler_innen eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Islam.

Ausblickend bekräftigte Frau Mühe die Wichtigkeit der Sensibilisierung für Stigmatisierung und Rassismus gegenüber Muslim_innen auch außerhalb des Schulkontextes. An den Schulen müsse es vermehrt unabhängige Beschwerdestellen geben. Solidarisierung mit muslimischen Schüler_innen sowie das Empowerment betroffener Schüler_innen sind ihrer Meinung nach von großer Bedeutung.

 

„Der“ muslimische Mann – fremd und gefährlich?! (Saad Malik)

Der Kulturanthropologe und Stadtgeograph Saad Malik vom „Verband binationaler Familien und Partnerschaften e. V.“ sprach über die konstruierte Figur des „fremden muslimischen Mannes“, durch welche als muslimisch markierte Männer für die deutsche Gesellschaft als gefährlich wahrgenommen werden. Der Vortragende präsentierte drei für ihn wesentliche Figurationen:

  1. Die sexualisierte Gefahr: Die aus der Silvesternacht in Köln 2015/16 resultierte massive mediale Debatte über einen vermeintlich spezifisch muslimischen Sexismus verdrängte die Tatsache, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt weiterhin ein deutliches Problem der (herkunfts-)deutschen Gesamtgesellschaft sind. Der Vortragende forderte, die Debatte über die Ursachen von Sexismus und sexualisierter Gewalt sowohl bei muslimischen als auch bei nicht-muslimischen Männern zusammenzuführen und somit besser zu kontextualisieren.
  2. Die kriminalisierte Gefahr: Seit dem 11. September 2001 existiert ein Generalverdacht gegen als muslimisch wahrgenommene Männer, welcher sich besonders in der polizeilichen Praxis des racial profilings zeigt. Hierbei werden die Betroffenen in der Öffentlichkeit verdachtsunabhängig von der Straßen- oder Bundespolizei kontrolliert. Oft gehen diese Kontrollen mit verbaler Demütigung oder gar körperlicher Gewalt einher. Gleichzeitig gibt es solche Kontrollformate nicht für Herkunfts­deutsche. Der Referent forderte an dieser Stelle das Publikum auf, sich vorzustellen, wie es wohl jenen Menschen gehe, die diese öffentliche Demütigung erfahren und wie diese Erfahrungen ihre Einstellung zur Polizei nachhaltig im Negativen beeinflusst. Insbesondere im Wissen, dass es keine Rolle spielt, wer sie sind oder was sie (nicht) getan haben – sondern dass es lediglich darum geht, wen und was sie für die Öffentlichkeit bzw. den Staat zu repräsentieren scheinen.
  3. Die ausländische Gefahr: Abschließend visualisierte Saad Malik anhand von z. T. historischen Bildern und Zeitschriftencovern das „Bedrohungsszenario ausländischer, muslimischer Mann“. Der Redner kritisierte, dass zu keiner Zeit der weiße Mann als Bedrohungsszenario Thema der Debatte sei. Die dargestellten Bedrohungsszenarien werden stets aus einer weiß-männlichen Perspektive gezeigt Abschließend betonte Saad Malik, dass Menschen, die von rassistischer Praxis betroffen sind, oft langanhaltend emotional belastet, wenn nicht gar traumatisiert sind. Diese psychosozialen und emotionalen Konsequenzen werden im öffentlichen Diskurs bisher kaum beachtet. Sie verdeutlichen, dass Muslimfeindlichkeit konkrete und teils schwerwiegende Auswirkungen im Alltag der Betroffenen hat.

 

 

Identity crisis and exiled art – New roles of Syrian creatives (Khaled Barakeh)

Der syrische Künstler und Aktivist Khaled Barakeh sprach darüber, inwiefern die gegenwärtige politische Situation in Syrien die Rolle syrischer Künstler_innen verändert. Er wurde 1976 in einem Vorort von Damaskus geboren, studierte Kunst in Damaskus und Odense und schloss sein Studium 2013 als Meisterschüler an der Städelschule in Frankfurt am Main ab. Er verließ Syrien bereits im Jahr 2008 und lebt und arbeitet zur Zeit in Berlin. Zunächst referierte Herr Barakeh seinen künstlerischen Werdegang und präsentierte den Zuhörer_innen einige seiner wichtigsten Projekte.

Er stellte beispielhaft ein Projekt vor, das er in Derry/Londonderry, Nordirland durchgeführt hatte. Dort steht auf einer Brücke eine Skulptur des Bildhauers Maurice Harron, die zwei Männer zeigt, die ihre Hände einander entgegenstrecken, sich aber nicht berühren: Der Abstand ist zu groß. Khaled Barakehs Keramikarbeit, die er mithilfe von 3D-Fotos erstellte, heißt „The Shake. Materialising the Distance“. Sie stellt exakt das Zwischenstück dar, das notwendig wäre, damit die beiden Hände der Männer sich berühren.

Bei einem anderen Projekt aus dem Jahr 2014 retuschierte er die Körper von toten Kindern aus Fotos von Kriegsschauplätzen in Syrien. Auf den Bildern bleiben Leerstellen, so wie im Leben der Angehörigen.

Herr Barakeh ging in seinem Vortrag der Frage nach, wie Kunst und Künstler_innen auf Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs reagieren und diese reflektieren und darüber hinaus, wie sich der Blick auf diese Künstler_innen ändert. Als Syrer in Europa besitzt er aufgrund des Konflikts in seinem Heimatland nun eine neue Identität, er ist plötzlich Geflüchteter und sein Migrationshintergrund steht stets im Vordergrund. Seine ursprüngliche Identität als politischer Künstler habe er verloren und damit auch ein Stück weit sein Zugehörigkeitsgefühl zu Syrien und die Verbindung zu anderen Menschen aus und in Syrien.

Da es vielen anderen syrischen Künstler_innen ebenso geht, kam Khaled Barakeh auf die Idee, die Online-Datenbank „Syria Culture Index“ für syrische Künstler_innen zu gründen. Sie soll dazu beitragen, dass sich die in der ganzen Welt verstreuten syrischen Kulturproduzent_innen unterstützen, vernetzen und stärken. Es sind gemeinsame Ausstellungen geplant, so z.B. die mobile Syrische Biennale. Das Motto: „Wenn wir nicht zu Hause bleiben können, gehen wir eben woandershin.“

Abschließend bat das Publikum um weitere Beispielprojekte Khaled Barakehs mit Bezug zu Syrien. Im Rahmen des angeregten Austauschs mit dem Künstler reflektierte das Publikum sein persönliches Verhältnis zu und das eigene Bild von Geflüchteten.

 

 

Fremd und vertraut – Judentum und Islam in Deutschland (Hümeyra Imamoglu und Rebecca de Vries)

Den Abschluss unserer Vortragsreihe bildete ein von Tanja Berg moderiertes Gespräch mit Rebecca de Vries und Hümeyra Imamoglu über Gemeinsamkeiten und Herausforderungen des jüdischen und muslimischen Lebens in Deutschland. Rebecca de Vries studierte Internationale Migration, Nahostpolitik und Islamwissenschaft in Deutschland und Israel. Sie arbeitet seit einigen Jahren in der Geflüchtetenberatung. Sie ist Jüdin und engagiert sich in einer jüdischen Gemeinde. Frau Imamoglu wuchs in Berlin auf und studiert aktuell Psychologie im Master. Zusätzlich ist sie in verschiedenen muslimischen Kontexten aktiv und lebt ein religiöses Leben. Die beiden Frauen sind langjährige Freundinnen und engagieren sich in verschiedenen jüdisch-muslimischen Projekten.

Den ersten Teil des Gesprächs bildete die Vorstellung des Judentums und des Islams aus den jeweiligen persönlichen Perspektiven der beiden Frauen. Dabei ging es darum, einen knappen Einblick in ausgewählte Aspekte der beiden Religionen zu erhalten. Rebecca de Vries verwies u. a. auf die besondere Rolle, die der Auszug der Juden aus Ägypten aus der Sklaverei für die jüdische Religion spielt und setzte diese in Verbindung zu Themen wie dem Umgang mit Flucht sowie zur Bedeutung von geschichtlichen Erfahrungen für jüdisches Leben.

Hümeyra Imamoglu berichtete von der Bedeutung des Propheten und vom Stellenwert des Korans für die religiösen Praxen sowie vom Grundgedanken der Gleichheit aller Menschen vor Gott. Dabei stellte sie die unterschiedlichen Interpretationen und die Vielfalt der Überzeugungen heraus. Genau wie Rebecca de Vries waren ihr die Bedeutung des Lebens in der Minderheit und damit verbundene Einflüsse und Erfahrungen besonders wichtig.

Im Anschluss sprachen die Referentinnen sowohl über Ähnlichkeiten als auch Unterschiede ihrer Religionsgemeinschaften. Dabei kommt der Erfahrung, als Minderheit in einer durch das Christentum geprägten Mehrheitsgesellschaft zu leben, eine Schlüsselrolle zu. Das zeigt sich für beide Frauen an den Erfahrungen des Andersseins und anders behandelt Werdens. Eine weitere geteilte Erfahrung ist der Stellenwert, der Familie, Essen (z.B. Art der Speisen, Zubereitung) und Kleidungsvorschriften (z.B. Bedecken des Haars) in beiden Religionen zukommt.

Zu den Schwierigkeiten des Lebens als Minderheit gehören für beide Frauen auch die Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierung durch Antisemitismus bzw. antimuslimischen Rassismus. Antisemitismus ist auch heute noch in vielen alltäglichen Situationen präsent, er zeigt sich in vielfältiger Weise u. a. in den seit Jahrhunderten immer wieder aufflammenden Debatten über die Beschneidung von Jungen oder dem Schächten von Tieren. Antimuslimischer Rassismus zeigt sich u. a. an der immer wiederkehrenden Abwehr des Islams durch die Mehrheitsgesellschaft, so z. B. in den Debatten um das Kopftuch oder in vorgefertigten Bildern und Stereotypen über Muslim_innen.

Die beiden Referentinnen warnten vor der wachsenden Akzeptanz von Diskriminierungen, Ausgrenzung im Allgemeinen und Antisemitismus und Rassismus im Besonderen. Diese Formen des Ausschlusses sind Phänomene, die viele Minderheiten in Deutschland betreffen. Beide Frauen sehen sowohl die Zugehörigkeit zu einer Minderheit als auch zu einer Religionsgemeinschaft als ein für sie persönlich identitätsstiftendes und -prägendes Merkmal an. Dabei geht es einerseits um die erlebten und erlernten Werte, Rituale und lebensweltlichen Prägungen, die eine positive Identifikation mit dem Judentum und dem Islam erwachsen lassen. Zum anderen geht es dabei aber leider auch um die Erfahrungen mit Ausgrenzungen, Vorurteilen und anderen Formen der Diskriminierung, die zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der Geschichte und Kultur der eigenen Minderheit/Religion

führten. Beides in Kombination kann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und der eigenen (Gruppen-)Identität stärken und dadurch dann auch die eigene Persönlichkeit.

Moderation: Tanja Berg (Minor)