Workshop Radiofeature


Radiofeature- Workshop „Erzähl mir von deiner Welt“

Ziel des Radiofeature-Workshops war es, der negativen Berichterstattung über Muslim_innen etwas entgegenzusetzen und einzelnen Muslim_innen selbst eine Stimme zu geben. Die Teilnehmenden führten hierzu Gespräche mit muslimischen Interviewpartner_innen und erstellten gemeinsam mit der Workshopleiterin Cordula Dickmeiß ein Originalton-Feature, das die Vielfalt des Islams verdeutlicht und aufzeigt, dass es weder „den“ Islam noch „die“ Muslim_innen als homogene Gruppe gibt.

Nach einem ersten Kennenlernen besprach die Gruppe, welche Erwartungen und Ziele sie mit dem Workshop verbindet. Anschließend sprachen die Teilnehmenden darüber, wie über Muslim_innen in den Medien berichtet wird. Die Gruppe stellte fest, dass die Berichterstattung in den westlichen Medien oft in Verbindung mit negativen Ereignissen steht und dies antimuslimische Einstellungen innerhalb einer Gesellschaft bestärken kann. Im Rahmen des Workshops wollte die Gruppe ein Gegengewicht zu dieser Berichterstattung schaffen und gleichzeitig persönliche Erfahrungen durch den direkten Kontakt mit muslimischen Interviewpartner_innen sammeln.

Einführend in die praktische Arbeit erklärte Featureautorin und Regisseurin Cordula Dickmeiß, was ein Radiofeature ist und ging dabei anhand von Beispielen insbesondere auf das Genre des Originalton-Features ein. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass hauptsächlich Originaltöne zusammengefügt werden, ohne erklärende Kommentare durch weitere Sprecher_innen. Als Vorbereitung für ihre Interviews entwarfen die Teilnehmenden einen ersten Fragenkatalog. Danach erklärte die Workshopleitende die Funktion der Aufnahmegeräte, die die Teilnehmenden im Anschluss selbst ausprobierten.

Den zweiten Termin begleitete der Medien- und Kommunikationswissenschaftler sowie Journalist Tarek Baé, der unter anderem für die Islamische Zeitung schreibt. Zudem forscht und referiert er zum Schwerpunkt Darstellung „des“ Islam und „der“ Muslim_innen in den (deutschen) Medien. Der muslimische Journalist nannte Studien, die belegen, dass über „den“ Islam zu 80 % in negativem Kontext berichtet wird und betonte, dass Journalismus nicht immer nur die Vermittlung von Information und Wissen bedeutet. Zugunsten hoher medialer Aufmerksamkeit werden laut Herrn Baé z. B. oftmals vermeintliche – sowohl muslimische als auch nicht-muslimische – „Islam-Expert_innen“ und Vertreter_innen extremer Meinungen als Interviewpartner_innen herangezogen. Dies führt, so Herr Baé dazu, dass das in der Mehrheitsgesellschaft vorherrschende Islambild oftmals negativ geprägt ist. Der Journalist hob hervor, dass es wichtig ist, auch über muslimische Alltagsgeschichten zu sprechen, die zu einer positiven Berichterstattung über Muslim_innen beitragen. Im Anschluss überarbeiteten die Teilnehmenden noch einmal ihren Fragenkatalog und sprachen darüber, worauf bei Interviews zu achten ist, beispielsweise, dass Fragen möglichst deutlich und eindeutig zu stellen sind.

Die erste Interviewpartnerin, Rasha, stammt aus Syrien und lebt seit über zwei Jahren in Berlin. Rasha ist eigentlich Zahnärztin, wartet aber noch auf die Anerkennung ihrer Abschlüsse. Sie arbeitet selbst an einer alternativen Berichterstattung zum Thema Muslimfeindlichkeit: Als Youtuberin versucht sie mit ihren Beiträgen eine Brücke zwischen (muslimischen) Zugewanderten und der
deutschen Mehrheitsgesellschaft zu schlagen. Die zweite Interviewpartnerin war Monika, eine zum Islam konvertierte Polin, die mit den Teilnehmenden über die Beweggründe ihrer Konversion und über die Reaktionen ihres Umfelds darauf sprach. Die dritte Interviewpartnerin, die Berlinerin Hanna ist praktizierende Muslima, deren Eltern aus Indonesien stammen. Hanna wird meist nicht als Muslima wahrgenommen, da sie kein Kopftuch trägt. Auch wenn sie sich oftmals wünscht, dass ihre Freundinnen ihre Religion mehr berücksichtigen – beispielsweise beim gemeinsamen Essen daran zu denken, dass sie kein Schweinefleisch isst – so möchte sie dennoch vordergründig nicht als Muslima, sondern als Hanna gesehen werden. Das vierte Interview führten die Teilnehmenden mit Tarek Baé. Herr Baé setzt sich durch seine Arbeit und seine Präsenz in sozialen Netzwerken für eine alternative Berichterstattung über „den“ Islam und Muslim_innen ein.

Die Fragen an die Interviewpartner_innen waren u. a.: Was macht muslimisch sein für dich persönlich aus? Welche Fragen zum Islam / zu Muslim_innen kannst du nicht mehr hören? Wie fühlst du dich in den (sozialen) Medien als Muslim_in repräsentiert? Wie möchtest du gesehen werden? Beim nächsten Treffen führte die Workshopleiterin die Teilnehmenden in eine Audioschnitt-Software ein. Die Gruppe entschied gemeinsam, welche Passagen aus den Interviews sie am interessantesten fand. Eine Teilnehmerin nahm mit ihrer Rahmentrommel in der Tonkabine des Medienkompetenzzentrums Pankow Musik auf, mit der der Beginn und das Ende des Features unterlegt wurde. Gemeinsam mit Cordula Dickmeiß schnitt die Gruppe die ausgewählten Passagen zu einem Feature zusammen. Bei einem letzten gemeinsamen Termin hörten die Teilnehmenden sich schließlich das entstandene Werk an. Sie reflektierten nochmals ihre Arbeit sowie das in den Interviews Erfahrene und Erlebte. Alle Teilnehmenden empfanden die Begegnungen mit den Interviewpartner_innen als bereichernd. Das Feature spiegelt die Verschiedenartigkeit der Protagonist_innen wider und weckt die Lust auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Islam und Muslim_innen in Deutschland.


Teilnehmende:
in Berlin lebende Migrant_innen verschiedener Herkunft im Alter von 16 bis 27 Jahren
Zeitraum: 6 Termine im Zeitraum September – Oktober 2018, jeweils 2 – 6 Stunden
Workshop-Leiterin: Cordula Dickmeiß (Featureautorin und Regisseurin)