Workshop Tourguide


Werde Tourguide – Just for One Day!

„Werde Tourguide – Just for One Day! Entdeckung des muslimischen Berlins“ – so der Titel unseres Tourguide-Workshops. Der Workshop verband die Sensibilisierung für muslimfeindliche Bilder, wie sie uns in Medien, Politik und Alltag begegnen, mit der theoretischen sowie praktischen Auseinandersetzung mit muslimischem Leben in Berlin.

Die Aufgabenstellung des Workshops lautete: „Stell Dir vor, es kommt eine Gruppe von Muslim_innen zu Besuch und Du sollst ihnen das muslimische Berlin zeigen.“ So wurde bei den Teilnehmenden einerseits die Lust geweckt, ihre Stadt bzw. ihren Kiez mit anderen Augen zu erkunden, andererseits wurden Berührungspunkte mit muslimischer Stadt- und Alltagserfahrung geschaffen. Vielfach kam es dabei auch zu konkreten Begegnungen und Gesprächen mit Muslim_innen, so etwa bei der Recherche vor Ort oder während der Tour selbst.

Nach einer Vorstellungsrunde stellte die Workshop-Leiterin Dr. Sabrina Dittus am ersten Tag die Begriffe Islamfeindlichkeit, Islamophobie und antimuslimischer Rassismus vor und erläuterte die Unterschiede. Im Folgenden zeigte sie anhand unterschiedlicher Beispiele aus Film, Print- und TV-Journalismus, wie Medien unsere Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern auch konstruieren – und damit auch Identitäten formen. Gerade beim Bild „des“ Muslims oder „der“ Muslimin werden oftmals muslimfeindliche und rassistische Inhalte transportiert. Besonders augenfällig wird es, wenn es um „den“ Islam geht und – entweder bildlich oder textlich – schnell eine Verbindung zu Terrorismus hergestellt wird. Die Beispiele von Frau Dittus wurden von den Teilnehmenden diskutiert und analysiert und sie konnten selbst auf viele Fälle verweisen, in denen ihnen solche Verknüpfungen aufgefallen sind. Gemeinsam erarbeiteten die Teilnehmenden verschiedene Gegenüberstellungen wie „Abendland“ vs. „Orient“, „Christentum“ vs. „Islam“, „aufgeklärt“ vs. „vormodern“, die solchen Konstruktionen nicht selten zugrunde liegen. Interessant waren hierbei auch die Beiträge eines jungen muslimischen Teilnehmers, der für diese Art der stereotypen Bilder natürlich in besonderer Weise sensibilisiert ist.

Das zweite Treffen widmete sich dem Thema „Tourguiding“. Nach einem sehr aktiven und lustigen Aufwärmspiel stellte die zweite Workshop-Leiterin Marie Faust die wichtigsten Regeln des Tourguiding vor (z. B. sollte man den Teilnehmenden einer Tour niemals den Rücken zudrehen, wenn man etwas vorstellt). Zur Verdeutlichung führte sie selbst ein Negativbeispiel vor, anhand dessen die Teilnehmenden aufzählen sollten, was sie dabei falsch gemacht hatte.

Im Anschluss sollten die Teilnehmenden zu einem (fiktiven) Ort recherchieren, den sie dann in der Runde vorstellten. Die einzelnen Vorstellungen wurden in der Gruppe diskutiert. Diese Übung kam sehr gut an – das Präsentieren machte allen Teilnehmenden großen Spaß. Die wichtigsten Do´s und Dont´s zum Thema „Eine Stadtführung planen“ schickte Marie Faust den Teilnehmenden im Nachgang per Email zu.

Zum Abschluss des zweiten Tages fand ein erstes Brainstorming zu der Frage statt, welche konkreten Orte die Teilnehmenden gerne bei einer Tour durch das muslimische Berlin vorstellen würden. Als Hausaufgabe sollten sie recherchieren, welche der Ideen sie gerne weiterverfolgen wollten.

Beim dritten Treffen ging es darum, einige der Vorschläge zu konkretisieren. Hierfür gab Frau Dittus eine Einführung in das Thema „Richtig und effektiv recherchieren“. Anschließend recherchierten alle Teilnehmenden zu ihrem jeweiligen Besichtigungsort, so dass am Ende der Sitzung die einzelnen Stationen der anvisierten gemeinsamen Stadtführung feststanden. Noch fehlende Informationen sollten die Jugendlichen bis zum vierten und letzten Treffen – der Tour selbst – noch recherchieren.

Schließlich war es so weit: Die gemeinsame Tour stand an. Die Gruppe traf sich zu einem leckeren Frühstück bei einer syrischen Teilnehmerin zu Hause und besprach letzte Details. Anschließend ging es weiter zum Volkspark Humboldthain, wo weitere an der Stadtführung Interessierte warteten. Im Sommer kommen muslimische Familien und Jugendliche hier zusammen. Außerdem ist der Park das Herzstück des ehemaligen Gastarbeiter_innen Bezirks Wedding. Im Zuge der Arbeitsmigration der 60er und 70er Jahre entwickelte sich der Wedding zu einem Einwanderungsbezirk, in dem auch heute noch ein Großteil der Bewohner_innen türkischer Herkunft ist.

Die Gruppe bewegte sich weiter nach Kreuzberg zum SO36. In dem Club findet monatlich die erste arabische und türkische LGBTQI-Partyreihe „Gayhane“ Deutschlands statt, eine eher außergewöhnliche Facette muslimischen Lebens in Berlin.

Der nächste Punkt war der muslimische Friedhof am Columbiadamm, der die älteste muslimische Begräbnisstätte Deutschlands ist.

Eine Teilnehmende präsentierte eine muslimische Boutique in Neukölln, an deren Außenfassade eine Koransure auf Deutsch zu lesen ist, die die Verhüllung der Frau thematisiert. Basierend auf dieser Fassade entstand ein angeregtes Gespräch über die Rolle der Frau im Islam.

Anschließend fuhr die Gruppe nach Wilmersdorf und besuchte dort die älteste Moschee Deutschlands, deren Bau bereits im Jahr 1928 vollendet wurde.

Die Tour endete im Restaurant „Lawrence“ in Berlin Mitte. Das „Lawrence“ ist ein Kooperationsprojekt von Geflüchteten und Deutschen, die in ihrem Restaurant eine Fusion aus arabischer Küche und Gerichten aus anderen Kulturen anbieten. Neben allerlei Leckereien bietet das „Lawrence“ auch Raum für Kunstprojekte, so sind dort zurzeit Fotografien aus einem Geflüchtetenlager im Libanon ausgestellt. Am Ende dieser ereignisreichen Tour waren sich alle Anwesenden sicher, nun einiges mehr über die eigene Stadt und ihre muslimische Facetten erfahren zu haben!

Insgesamt kam das Konzept des Workshops – die Kombination von theoretischer Auseinandersetzung mit praktischer Neu-/Entdeckung des städtischen Raumes aus muslimischer Perspektive sehr gut an. Die Teilnehmenden haben beide Aspekte mit viel Interesse und Engagement diskutiert. Die gemeinsame Tour, in der sowohl die Teilnehmenden als auch die Besucher_innen neue spannende Orte in Berlin entdeckten, wurde ein voller Erfolg.

 

Teilnehmende: In Berlin lebende Migrant_innen verschiedener Herkunft im Alter von 16 bis 27 Jahren

Zeitraum: 4 Termine im Zeitraum November und Dezember 2017.

Workshop-Leitung: Dr. Sabrina Dittus (Dozentin, Autorin, freie Filmemacherin), Marie Faust (Stadtführerin, Theaterpädagogin)